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Wer kennt Lombroso?

Viel wird dieser Tage über Rassismus, das Neo-Nazitum und Faschismus geschrieben und diskutiert. Immer wieder bleibt man am Begriff des Faschismus hängen, über den es so viele Theorien wie Diskutanten gibt. Festzustehen scheint: Der Begriff Faschismus leitet sich ab vom italienischen Wort fasces, was ein Bündel bezeichnet. Gemeint ist das Rutenbündel, ein Machtsymbol. Und damit enden die Gewissheiten weitgehend. Wir haben gelernt, Faschismus als Dachbegriff zu verwenden, der unter sich das irgendwie geartete Zusammenspiel totalitärer oder diktatorischer, rassistischer, männlichkeitsverherrlichender und militaristischer Kräfte vereint, zumeist gepaart mit bestimmten ökonomischen Interessenlagen.

In Deutschland haben wir Faschismus in Form der Hitler-Diktatur erlebt. Hier können wir anschaulich nachvollziehen, welche der vorgenannten Aspekte welche Ausprägung erfahren haben. Interessant dabei ist, dass sich Faschismus nicht nur der Erscheinung nach als Bündel darstellt, sondern auch in seinen inhaltlichen Ausprägungen. Soll heißen: Die Ideologie des deutschen Faschismus bestand aus zusammengekleisterten Einzelteilen diverser wissenschaftlicher Theoriegebäude des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Vorrangig zu nennen wäre die Rassentheorie. Viele dieser kleinen Bausteinchen haben in den Köpfen überlebt und wirken, wie zu zeigen sein wird, bis in die Zeit des Digitals nach.

Wer kennt Lombroso?

Über Cesare Lombroso (1835 – 1909) weiß Wikipedia zu berichten:

Lombroso gilt als Begründer der kriminalanthropologisch ausgerichteten sogenannten Positiven Schule der Kriminologie […]. Die Positive Schule […] sorgte dafür, dass im 19. Jahrhundert zunehmend naturwissenschaftlich ausgebildete Fachleute, vor allem Mediziner, aber auch Biologen und Anthropologen sich der Thematik der Kriminalität annäherten. Dabei flossen in Lombrosos spekulative Annahmen Elemente der Physiognomik, des Sozialdarwinismus und der von Franz Joseph Gall begründeten Phrenologie ein. Lombrosos Typisierung von Verbrechern anhand äußerer Körpermerkmale diente den Nationalsozialisten als Vorlage für ihre rassenbiologischen Theorien.

Wer hat nicht vielleicht noch die eine oder andere Bemerkung der Großeltern im Ohr, die ein bestimmtes Gesichtsmerkmal, die sog. Hakennase nämlich, einer jüdischen Abstammung gleichsetzt. Genau um diese Schubladen geht es: Du hast diese oder jene äußeren Merkmale, also hast du diesen oder jenen Charakter. Punkt.

Sprung ins Digital

Nun sollte man – abgesehen von den neuen ewig Gestrigen – derlei Erkenntnisse inzwischen auf dem wissenschaftlichen Misthaufen vermuten, wäre da nicht die aufstrebende Kaste der Algorhitmus-Gläubigen. Und ich bin mir nicht sicher, wen ich mehr fürchte: die Neo-Nazisten oder börsenorientierte Start-ups, die sich als Wissenschaftler oder gar Künstler tarnen. Denn über hundert Jahre alte Fehleinschätzungen feiern ihre Reinkarnation in digitaler Form, bereichert um zwei entscheidende Faktoren – die Gewinnerzielungsabsicht und die blinde KI-Gläubigkeit.

Worum geht es?

Smile to Vote® heißt das Biometrie-Projekt des Medienkünstlers Alexander Peterhaensel, das in nächster Zeit im Belleparais in München zu sehen sein wird. Thema: Eine Gesichtserkennungssoftware soll die Wahlabsichten der Besucher analysieren. In der Spiegel-Ausgabe 37/2018 stellt sich Peterhaensel dem Interview. Auf die Frage, was in der experimentellen Wahlkabine geschehe, antwortet er:

„Der Versuchsteilnehmer tritt ein, schließt den Vorhang und die Kamera fertigt einen Gesichtsscan an. Das dabei erzeugte Profil wird mit den Medianphysiognomien der zur Wahl stehenden Parteien verglichen. Als Resultat erhält man ein Balkendiagramm, das die prozentuale physiognomische Übereinstimmung mit den Parteien aufzeigt.“

Interessant wird die Sache, als die Interviewerin wissen möchte, wie denn nun der typische Grünen-Wähler aussähe:

„Das ist der Punkt: Keiner kann es sagen. Die KI nimmt in den Photo-Datensätzen minimalste statistische Anomalien wahr. Die liegen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle von Menschen. Was die KI da sieht, können wir also erstens nicht nachvollziehen und zweitens haben wir keine Sprache dafür. Wir können also überhaupt nicht beschreiben, was die KI an einem Grünen-Wähler Spezielles erkannt hat.“

Und, so die Journalistin weiter, hat das Programm nun recht oder nicht? Peterhaensel darauf:

„Wegen des kleinen Datensatzes können unsere Ergebnisse nicht valide sein. Und dennoch muss erst einmal jemand beweisen, dass unsere KI nicht richtig liegt. Denn das ist der Punkt – und auch die Provokation: Niemand weiß, ob es stimmt oder nicht. Aber die KI entscheidet. Und man ist gezwungen, sich dazu zu verhalten.“

Aha, denkt man sich. Niemand weiß, was da eigentlich passiert, außer eben diesem Rückgriff auf das 19. Jahrhundert. Siehe oben. Aber man muss sich dazu verhalten! Ja, das wird man wohl müssen, denn die letzte Frage der Interviewerin – und vor allem Peterhaensels Antwort darauf haben es in sich. Die Frage lautet: „Ist ihre Aktion nun Kunst oder eine Werbetour für den zukünftigen Einsatz in Despotenstaaten?“ Die Antwort:

„Beides. Die Arbeit besteht aus verschiedenen Elementen: Es gibt die Wahlkabine, in der die politische Gesinnung ausgelesen wird. Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit, die Vorgehensweise und Hintergründe seriös beleuchtet. Und auf der Website smiletovote.com bewerben wir ein fiktives Start up, das behauptet, die physiognomische Wahlanalysesoftware zu vertreiben. Dafür trete ich als CEO auf und suche Investoren.“

Man erfährt ganz am Ende, dass erste südafrikanische Geschäftsleute interessiert sind. Zweifel kommen auf, ob dieses Interesse rein mäzenatenhafter Natur ist. Es wäre nicht der erste Zauberlehrling, der sich verselbständigt. Die Zweifel werden erhärtet, wenn man dieses unscheinbare Zeichen beachtet: Eingetragenes Warenzeichen.

Ein Fazit

Eine Wissenschaft wie die Biometrik mag unverwechselbare Passbilder liefern, doch sie sollte nicht den Fehler machen, in blinder Datengläubigkeit in die Frühzeit ihrer Entwicklungsgeschichte zurückzufallen. Solange niemand erklären kann, warum der Algorhitmus diesen oder jenen Schluss zieht, sollte man tunlichst weiter forschen. Jedenfalls entsprach ein solches Vorgehen bis vor einiger Zeit noch seriöser Wissenschaftlichkeit. Das gilt analog auch für die Gehirnforschung. Einzelne Vertreter dieses Genres klingen bisweilen arg nach Franz Josef Gall, dem Begründer der Phrenologie, die aus dem Gehirn einen Lego-Baukasten machte: Entferne dies und du erreichst das.

Kunst, die dieses heikle Thema aufgreift, sollte weiter ausholen, sollte aufdecken, dass wir zumindest offiziell die Rassentheorie zwar beerdigt haben, stattdessen aber dabei sind, neue Schubladen zu bauen. Der faschistoide Charakter ist derselbe, denn die Ergebnisse könnten die gleichen sein: Ausgrenzung. Nur dass wir in diesem Fall nicht einmal ein emotionales Urteil fällen könnten. Wir könnten gar keines fällen, denn der Algorhitmus hat ja entschieden. Ein bedeutsamer Schritt hin zur Diktatur der Maschinen. Schlimmer: Noch haben Maschinen menschliche Besitzer.


Titelfoto: © 2015 ktbrandstetter (Infosphere ZKM)

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