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Weimar – wir haben noch zu lernen

Es lebt sich gut in Zeiten, in denen man sagen kann: »Vor hundert Jahren …«. Jedenfalls so lange, bis einen jemand fragt: »Und? Habt Ihr was draus gelernt?«

Und? Haben wir etwas aus der Weimarer Republik, vor allem aus ihren revolutionären und gegenrevolutionären Anfängen gelernt? Manch eine*r, so liest man, fasst Weimar als Menetekel auf.1) Die Weimarer Verfassung wird diskutiert. Ungeachtet aller derzeitigen politischen Folklore kommt man zu dem Schluss, dass eben diese Verfassung so schlecht wohl nicht war. Eine Feststellung, über die sich trefflich streiten lässt, zieht man alle verfügbaren Quellen zu Rate. Denn eine Verfassung kann nur so gut sein, wie die Umstände, unter denen sie zustande kommt.

»Die Novemberrevolution von 1918 – eingeleitet durch den Kieler Matrosenaufstand –  führte in der Endphase des Ersten Weltkrieges zum Sturz der Monarchie. Der 9. November 1918 gilt als Geburtsstunde der ersten deutschen Demokratie. An diesem Tag hat Philipp Scheidemann, Vorstandsmitglied der SPD, aus einem Fenster des Reichstags in Berlin die Republik ausgerufen und das Ende des Kaiserreichs verkündet. Die Monarchie im Deutschen Reich war somit beendet (…).«3)

Ganz so schlicht und geordnet, wie uns die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg das darstellt, war die Sache indessen nicht. Friedrich Ebert sprach Scheidemann wutenbrannt im Nachhinein das Recht ab, die Republik auszurufen. Ebert wollte keine Republik – sein Bestreben war es, die Monarchie zu retten. Die Abdankung des Kaisers wurde durch Prinz Max von Baden bekannt gegeben – und zwar ohne, dass sie tatsächlich erfolgt war. Der 9. November war der Tag der Revolution. Chaotisch. Und er war der Vorabend ihrer Niederlage.

Wieviel Zündstoff in der Entstehungsgeschichte der Weimarer Republik auch heute noch liegt, zeigt sich beispielhaft an der Stimmungslage innerhalb der Sozialdemokratie. Im Sommer 2018 – also rechtzeitig vor dem Beginn der ersten Jahrestage der deutschen Revolution – erging der Beschluss, die parteieigene Historische Kommission aufzulösen. Nur auf Druck von über 100 Wissenschaftlern hin wurde dieser Beschluss teilweise revidiert. Die Kommission gibt es noch, doch sie hat einen Aufpasser bekommen, einen so genannten Koordinator, einen ausgewiesenen Geschichtsexperten – den Schatzmeister der SPD.

Die SPD-Spitze wollte keine Revolution

Erwähnenswert ist diese Episode, weil sie mitten in das Thema von Haffners Darstellung der Vorgänge um die Entstehung der ersten deutschen Republik hinein führt. Die Weimarer Republik ist ohne die vorausgegangene Revolution 1918/19 nicht zu denken. Auch wenn man in heutiger Sichtweise gerne das eine vom anderen trennt. Die Revolution 1918/19 wäre ohne das Eingreifen der damaligen SPD-Führung anders verlaufen, denn die SPD-Spitze, allen voran Friedrich Ebert, wollte sie nicht. Der Verrat am Willen der eigenen Gefolgschaft, deren Wunsch eigentlich die Räterepublik war, wird deutlich an der Hinzuziehung reaktionärer Freikorps, mit deren Hilfe die Revolution blutig niedergeschlagen wurde. Diese bildeten schließlich die ersten Keimzellen der späteren SA. Bereits die Kapp-Putschisten trugen das Hakenkreuz als Symbol (siehe Titelfoto). Die Weimarer Republik war nicht einfach eine Demokratie, die scheiterte. Sie wurde nicht einfach so »nach nur 14 Jahren von der NS-Diktatur abgelöst«3) All diese Entwicklungen hatten eine Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt sich immer führende Sozialdemokraten befanden. Auch im Falle der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.4)

Den heutigen Sozialdemokraten mag das mit Recht unangenehm sein. Es ist aber der falsche Umgang mit der Geschichte, sich der Verantwortung und den nötigen Schlussfolgerungen zu entziehen.

Sebastian Haffner legt in seinem Buch eine minutiöse Recherche der Vorgänge um eine verratene Revolution vor. Teilweise stundengenaue Protokolle lassen einen die Dramatik jener Tage spüren und beinahe schon vergessen, dass man ein Sachbuch liest. Seine Darlegung der Abläufe und – auch personellen – Zusammenhänge lässt einen das Aufkommen des Nationalsozialismus besser verstehen, ohne dass dies Gegenstand oder ausgewiesenes Ziel des Buches wäre. Haffner schildert nüchtern, aber mit wohl begründeten Sympathien und kann so zum Schluss kommen:

»Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen. Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.«


Titelseite

Das Buch

Sebastian Haffner
Die deutsche Revolution 1918/19
Reinbek bei Hamburg, 2004
249 Seiten.
ISBN 978 3 499 61622 8

 

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Weitere Quellen:

  1. Spiegel Online: Im Kreißsaal der Republik
  2. LeMO: Die Dolchstoßlegende
  3. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: 100 Jahre Weimarer Republik – Novemberrevolution 1918; darin: 9. November 1918 – Untergang und Neubeginn
  4. Spiegel Online: SPD will keine Schuld an Rosa-Luxemburg-Mord tragen
  5. Neues Deutschland: Schuld und Sühne
  6. Neues Deutschland: Will sich die SPD vor ihrer Geschichte drücken?

Titelfoto: Soldaten der [Kapp-]Putschtruppen mit aufgemaltem Hakenkreuz auf dem Stahlhelm am Potsdamer Platz. (Anm.d.Verf.: Das Hakenkreuz ist auch am Fahrzeug zu erkennen.) Quelle: »Die deutsche Revolution 1918/19«, Bilderteil.

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