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Polterabend

Schulz schmeißt nun also auch hin. Diese noch im Werden begriffene Große Koalition steht unter keinem guten Stern. Und nicht nur sie. Die gesamte Regierungsbildung war nach dem durchaus katastrophalen Wahlergebnis vom vergangenen September geprägt von Krämpfen und allgemeiner Ratlosigkeit. Niemand in den etablierten Parteien hat ernstlich damit gerechnet, dass Schluss ist mit Weiter so. Dementsprechend traf das Wahlergebnis alle Platzhirsche und -kühe unvorbereitet. Da Konzepte und Visionen schon in den vergangenen Legislaturperioden nicht gerade die Stärke unserer Regierungen war, war das Chaos vorprogrammiert. Im Volk grumelt es. Anders als in vergangenen Jahrhunderten, wo sich Bauern und Tagelöhner zusammenrotteten. Heutzutage läuft das über Umfragen. Von Tag zu Tag gewinnen die Gegner einer Großen Koalition an Gewicht. Man spürt, dass sich Entscheidendes ändern muss, auch wenn man es vielleicht nicht en detail benennen kann oder will.

Schließlich ist passiert, was immer geschieht, wenn Machthaber nicht einsehen wollen, dass ihre Zeit vorüber ist – sie machen Fehler. Die Kanzlerin war nicht mutig genug, eine Minderheitsregierung zu wagen, da diese nicht ihrem Regierungsstil entspräche. In dieser Regierungsform muss man stets präsent und inhaltlich-argumentativ voll auf der Höhe sein. Taktische Spielchen greifen da nicht mehr. Und Schulz hat sein am Wahlabend vollmundig gegebenes Versprechen gebrochen, nicht in eine Große Koalition eintreten zu wollen. Anteil daran hat auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, von dem man dieser Tage so gar nichts hört. Wie immer in Phasen, in denen die Macht der Herrscher schwindet, scharren die Hofschranzen mit den Füßen und beginnen sich als mögliche Erben zu positionieren. Personaldebatten kommen auf und entwickeln ihre eigene, nicht mehr zu beherrschende Dynamik. Seehofer musste als Parteiboss abdanken, Schulz ist mehr oder weniger freiwillig gegangen. Und auch Angela Merkel wird das Ende dieser Legislaturperiode nicht in ihrer Doppelrolle als Kanzlerin und Parteivorsitzende erleben. Sie wird von Glück sagen können, wenn ihr Abgang nicht ähnlich schmählich wird wie jener, den sie selbst ihrem Ziehvater Helmut Kohl bereitet hat. Nichts dazu gelernt.

Es bleibt zu hoffen, dass die SPD-Mitgliedschaft mit ihrem Votum diesem unrühmlichen Schauspiel ein endgültiges Ende setzt. Angela Merkel müsste Farbe bekennen. Doch wie auch immer: Was bleibt, ist ein riesiger Scherbenhaufen, aufgehäuft durch einen politischen Polterabend am Vorabend einer Ehe, die man erzwingen will. Und wie ich meine Landsleute zu kennen glaube, heißt der Gewinner AfD. Ich hoffe, liebe Deutsche, ich hoffe inbrünstig, Ihr belehrt mich eines Besseren. Und wenn doch nicht, schicke ich schon mal präventiv einen herzlichen Dank an die Damen und Herren Merkel, Schulz, Steinmeier und wie sie alle heißen. Und eine Erinnerung dazu: Es waren schon einmal konzeptionslose bürgerliche Kräfte, die den Steigbügelhalter für die Rechten abgegeben haben. Es ist noch nicht einmal hundert Jahre her.

 

Titelfoto: Joseph Beuys (fotografiert in der Ausstellung »Beuys in Italien«, 2016, Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn)

 

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