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Olympische Irrtümer

Anmerkung des Autors:
Alle Links, die in diesem Artikel auf die URL olympiastatistik.de verweisen, funktionieren nicht mehr, da diese Domain offenbar auf- und neu vergeben wurde. Ich bin auf der Suche nach entsprechendem Ersatz.

In Südkorea haben die diesjährigen Olympischen Winterspiele begonnen. Markus Wasmeier beklagt im Interview mit SPON die mangelnde Akzeptanz der olympischen Idee in der deutschen Bevölkerung. Gleichzeitig wirft er dem IOC Großspurigkeit und zunehmende Distanz zur Bevölkerung vor und fordert die Trennung von Sport und Politik. Nun war die Eröffnung der Winterspiele dem Vernehmen nach aber genau von der Politik geprägt. Immerhin brodelt ja derzeit dieser Wettbewerb zwischen Nordkorea und den USA um den größeren Atomknopf. Muss man sich dann wundern, wenn niemand mehr der Olympischen Idee vertraut?

Aber was ist das denn überhaupt, die olympische Idee? Was wir ahnungsweise davon im Kopf haben gilt erst, seit 1894 Baron Pierre de Coubertins Idee von der Wiederbelebung der Olympischen Spiele Anklang gefunden und sich daraufhin das IOC gegründet hat. Coubertins Grundgedanke fußte auf den Erfahrungen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Zum einen führte er die französische Niederlage auf die körperliche Verfassung der männlichen Jugend zurück, woraus der Ertüchtigungsgedanke entstand. Zum anderen hatte der Baron aber durchaus eine Vision vom friedlichen Wettstreit der Nationen, der künftig eben im Stadion und nicht mehr auf Schlachtfeldern stattfinden sollte. Daraus erwuchs im Gefolge der Französischen Revolution auch die Forderung nach dem „Prinzip der Gleichheit (…), das jedem, unabhängig von Herkunft, Rasse oder sozialem Stand, gleiche Bedingungen und Bewertungskriterien garantiert.“

Es war auch Coubertin, der das bis heute geltende olympische Motto formulierte: citius, altius, fortius (schneller, höher, weiter/stärker). Ob er der Welt und insbesondere der olympischen Idee unter heutigen Bedingungen damit einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Häufig wird Coubertin auch die Aussage „das Wichtige bei den Olympischen Spielen sei nicht der Sieg, sondern die Teilnahme“ zugeschrieben und als Charakteristikum für den Olympismus angeführt. Folgt man der Quellenlage, ist dieser Satz jedoch nie im direkten Zusammenhang mit der olympischen Idee, sondern im Kontext eines Streites gefallen. Überdies wurde er von Coubertin nur zitiert. Als Urheber gilt Bischof Ethelbert Talbot.

„Die Aufnahme des Friedensgedanken und des Gedankens der Völkerverständigung als weiteres zentrales Erziehungsziel der modernen olympischen Bewegung bedeutete einen wesentlichen Unterschied zu den antiken Spielen.“ Einen Unterschied? Haben wir nicht alle gelernt, dass während der Dauer der Olympischen Spiele im antiken Griechenland alle Kriegshandlungen ausgesetzt waren? Mindestens ich habe das noch so im Gedächtnis. Und es ist falsch – oder zumindest stark verkürzt.

„Im Jahr 776 v. Chr. wurden angeblich die Spiele von den Königen Iphitos von Elis, Kleosthenes von Pisa und Lykurgos von Sparta durch ein Abkommen geregelt. Diese Herrscher, die um den Vorrang in Olympia rivalisierten, garantierten die heilige Waffenruhe (Ekecheiria), die während der Zeit der Spiele herrschte, um allen Beteiligten eine sichere An- und Abreise zu gewährleisten. Die Waffenruhe galt dabei nur den Athleten, die zu den Spielen reisen wollten.“ (Hervorhebung durch mich.)

So war das also. Nix mit Friede, Freude, Eierkuchen. Insofern kann auch am heutigen Tag das türkische Militär seine Syrien-Offensive fortsetzen, ohne den olympischen Gedanken zu verletzen.

Und es gibt noch einen Irrtum, der auf höchst fatale Weise mit dem oben erwähnten olympischen Motto korreliert. Zwar waren den alten Griechen die Spiele heilig, ja, sie waren ein den Göttern geweihtes Fest. Doch „auf der Spielstätte verbanden sich Sport und Kult, Weihehandlung und Wettstreit. Die Olympischen Spiele der Antike waren kulturell und politisch von unvergleichbar großer Bedeutung. Sie dienten als politisches Forum, da sowohl das Volk als auch Diplomaten und politische Vertreter aus allen Teilen der griechischen Welt zusammenkamen.“

So war das also. Nix mit Trennung von Politik und Sport. Und wie man liest, wurden die Spiele auch in der Antike bereits zur Anbahnung und Abwicklung von Geschäften genutzt. Da passen doch Themenkomplexe wie Steuerhinterziehung, Doping und Korruption bestens dazu. Geschäft ist Geschäft und Religion ist Religion.

Nur eines unterschied die damaligen von den heutigen Spielen grundlegend: Im antiken Griechenland spielte die Kultur – Dichtung, Theater und Musik – auch im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen eine herausragende Rolle.

Früher war eben doch wenigstens manches besser. 😉 

 

 Titelfoto: Fotomontage (KT Brandstetter)

 

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