Zum Inhalt springen

Nichts als die lautere Wahrheit

Soll ich diesen Beitrag mit Positiv denken! betiteln? Soll ich von unserem heutigen Abendessen mit Rezepten aus Sylvias gestriger Kochbuch-Entdeckung berichten, mit wunderbaren, auch vegetarischen Rezepten internationaler Kochkunst. Nicht Haute cuisine – nein, bodenständig. Gerne. Ich war noch nie auf so angenehme Weise so pappsatt wie heute Abend. Aber es hilft alles nichts. Beim Abendessen haben wir darüber philosophiert, wie dumm der Mensch ist. Er hätte alle Hände voll damit zu tun, sich gegenseitig kennenzulernen. Und er hat keine Ahnung davon, was er versäumt, wenn er es nicht tut, sich stattdessen gegenseitig die Köpfe einschlägt.

In meinem Tagebuch, dem diese Notiz entstammt, habe ich für den heutigen Tag ein schlimmeres als das obige Bild als Titel eingestellt. Auch eines aus Syrien, aus Ost-Ghuta. Man kann diese Bilder heute in der Presse sehen. Und: Man muss sie anschauen. Nichts Positives. Wozu auch, denn DAS ist der Zustand unserer Welt. Derzeit wird er durch die Katastrophe in Ost-Ghuta (Syrien) symbolisiert. Vor eineinviertel Jahren war es Aleppo. Und er wird sich nicht ändern, wenn man nicht hinsieht. Alles Gerede von Fortschritt, Innovation, Wohlstand und was der hehren Begriffe mehr sind, erweist sich im Angesicht eines solchen Bildes als hohles, leeres, ja, als dummes und zynisches Geschwätz, ebenso zynisch wie Putins Kommentar „Populismus“, mit dem er die Forderungen nach einer Waffenruhe beantwortet hat. Ich möchte ihn so zerschunden sehen, wie dieses Kind auf dem Pressefoto in meinem Tagebuch, wie Hunderte anderer, die einfach nur das Pech haben, in einer Region zu leben, in der sich die Interessen der Mächtigen kreuzen. Ich möchte alle so zerschunden sehen, die ihre Hände in Unschuld waschen und nur Wirtschaftsbeziehungen im Kopf haben, während sie Worte wie Humanität und Gerechtigkeit im Munde führen.

Derweil wird in Deutschland, speziell in Essen, schon Armut gegen Armut aufgebracht. Denn nichts anderes ist es, wenn an der Essener Tafel nur noch Arme mit deutschem Pass Essen bekommen. Schaut Euch doch die Bilder aus Syrien an! Haben die Menschen, die aus solchen Zuständen fliehen, kein Anrecht mehr auf Hilfe? Nicht einmal mehr bei uns, in einem der reichsten Länder dieser Erde? Wo sind wir eigentlich hingekommen! Ich schlage dringend eine große Bücherverbrennung vor: Nehmt alle Eure gottverdammten Bibeln und schmeißt sie in ein großes Feuer. Sie sind nichts mehr wert, nicht einmal das Dünndruckpapier, auf dem sie gedruckt sind. Es interessiert Euch ohnedies nicht, was da drin steht.

Sprecht stattdessen endlich Klartext: Wir sind die Herrenrasse, wir, die wir Geld und letztlich die Macht über Rohstoffe haben, wir, die wir der Welt vorgeben, wie sie sich zu entwickeln hat, wir, die wir den Rest der Welt in Konsumgütern ersticken, wir, mit deren Waffen die Kinder ganzer Landstriche ausgelöscht werden, wir, mit deren Waffen Lehrer, Kinder und Jugendliche an Schulen erschossen werden, wir, die wir den Privatbesitz an Wasser fordern, wir, denen ihr eigener Reichtum über alles geht. Sprecht es aus! Es wäre nichts als die lautere Wahrheit. Euer Gott war schon immer der Profit und Eure Zwecke haben schon immer jedes Mittel geheiligt. Opfer sind nun mal die Späne, die beim Hobeln fallen, nicht wahr?

Wer den Wind sät – Michael Lüders hat dieses Buch geschrieben. U.a. dort kann man nachlesen, dass es nicht der IS ist, dass es nicht die Taliban sind, die Katastrophen wie aktuell in Ost-Ghuta verursacht haben. IS, Taliban und andere von gleichem Schlag waren die Folge. Die Folge einer rücksichtslosen Machtpolitik der Weltmächte. Und immer ging es um Rohstoffe, Handelsrouten, Rohstoff-Transporte. Mal ist es Erdöl, mal sind es Diamanten oder seltene Erden. Austauschbar.

Ich habe gelesen, die CDU möchte die Marktwirtschaft reformieren. Da wäre ein solcher Klartext doch eine gute Handlungsgrundlage. Was kümmert mich die Digitalisierung, solange sie mir Bilder von Kriegsopfern ins Hirn spült, die auch deswegen Kriegsopfer sind, weil unser Wohlstand nicht zuletzt auf Waffenexporten beruht. Ganz gewiss wäre eine radikale Aufrichtigkeit der Anfang einer friedlicheren Zeit, denn es gibt keinen Krieg, in dem es nicht um Geld geht.

 

Titelfoto: MOHAMMED BADRA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

 

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: