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Ministeriale Dichtkunst

Wenn Angela Merkel mit etwas zufrieden ist, bin ich es für gewöhnlich nicht. Doch es gibt eben zu beinahe jeder Regel eine Ausnahme. Das ist umso wahrscheinlicher, je mehr Hornochsen der Meinung sind, Dichtung wäre etwas, sagen wir, wie ein Bücherschrank. Ich kann ein Buch dahin stellen oder dorthin. Das ändert weder am Schrank etwas, noch am Inhalt des Buches.

Und so kommt Frau Kristin Rose-Möhring, Frauenbeauftragte im kommissarischen Familienministerium auf den glorreichen Gedanken, die Nationalhymne auf geschlechterneutral umzu”dichten”, indem sie einfach mal zwei Wörter austauscht. Für alle, die wie ich, nicht ganz sattelfest in der Materie sind, hier die dritte Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben, die unsere Nationalhymne darstellt:

Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland!

Auszutauschen wäre nach Rose-Möhrings Vorschlag brüderlich gegen couragiert und Vaterland gegen – autsch! – Heimatland. Dazu gibt es ganz furchtbar viel zu sagen. Ich beschränke mich.

Das da oben – Nationalhymne oder nicht – ist ein Gedicht. Ein Gedicht besteht nicht nur aus Wörtern, Reimen und aus Versmaß, sondern auch aus lautlichen Merkmalen. Ich sehe schon die geschürzten Lippen der Chöre, ähnlich der Zeichnungen von Loriot, und ich höre sie schon singen: kuuuuraschiert. Und, was soll ich sagen, mir läuft es kalt den Rücken hinunter, ich kriege Schüttelfrost und das Nackenhaar stellt sich. Schon mal was von langen und kurzen Vokalen gehört? Schon mal bemerkt, wie bescheiden die Lautkombination von „t“ (am Ende von couragiert) mit „m“ zu Beginn von mit klingt? Es geht nicht nur einfach um Wörter. Ein Gedicht ist eine komplexes Gebilde. Mindestens so komplex, wie es Regierungsarbeit sein sollte.

Wortbedeutung. Oh Gott, man kann im Duden (Bedeutungs- und Synonymwörterbuch) nachlesen, dass brüderlich im Sinne von einig, einträchtig, harmonisch, ja, sogar redlich verwendet wird, wohingegen couragiert mit beherzt oder mutig zu übersetzen wäre. Das hat dann mit Geschlechterneutralität überhaupt nichts mehr zu tun. Das ist eine Änderung der Aussage.

Vaterland. Ich könnte Frau Rose-Möhring nun erzählen, dass mir sowohl das Vaterland, wie auch das Heimatland ziemlich schnuppe ist. Ich bin durch einen nicht durchschaubaren Zufall in einem Land geboren, das sich Deutschland nennt, habe seine Sprache und seine Geschichte gelernt. Es hätte – von der Geschichte abgesehen – schlimmer kommen können, gewiss. Und es kam schlimmer. Eine SPD-Frau will jetzt in die Nationalhymne einen Begriff einbauen, über den sich ganz besonders zwei Parteien in diesem, unseren Lande freuen dürften: die CSU mit ihrem neuen Heimatministerium und, viel dramatischer, die AfD.

Ich will nicht nur meckern, denn ich verstehe das Anliegen. Konsequent wäre es danach aber, eine neue Nationalhymne in Auftrag zu geben, anstatt ohne Sachverstand an einem Text einer unserer Dichter herumzupfuschen, gerade so, als ob man mal eben die Tür mit rosa überpinselt. Davor könnte man allerdings einen Gedanken abwägen: Nationalhymnen haben etwas mit Tradition und Geschichte zu tun. Warum soll dann diese Tradition und diese Geschichte nicht auch sichtbar bleiben? Wenn wir mit Tradition und Geschichte nichts mehr zu schaffen haben wollen, dann brauchen wir auch keine Nationalhymnen. Auch das ist eine Überlegung wert. Was sagen Nationalhymnen denn in letzter Konsequenz? Auch im Deutschlandlied steht es, ungesungen, ganz am Anfang: Deutschland, Deutschland über alles. Anderswo heißt es weniger pathetisch und ganz und gar unpoetisch: America first.

Und auch, wenn sie es nicht mehr sagen, die Nationalhymnen – sie meinen es.

 

 Titelfoto: KT Brandstetter

 

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