Zum Inhalt springen

Aus der Frühzeit des Internet

»Das Internet ist wie ein Goldrausch. Viele Leute finden Nuggets. Wir suchen nach einer Mine.« (Byron Abels-Smith, Aspen Media). Viele haben bereits nach Minen gesucht, während wir, die wir uns ab Mitte der 1990er-Jahre in der E-Mail-Liste »Webkultur« trafen und austauschten noch der Überzeugung waren, das Internet könne mehr Kultur und mehr Demokratie in unser aller Leben bringen. Und wir waren der Überzeugung, wir könnten dazu beitragen. Irgendwie bemerkten wir unseren Irrtum nach einiger Zeit. Wir verliefen uns in den Weiten des Cyper Space. Wir verloren uns. Und doch traf man den oder die eine oder andere irgendwann wieder. 

Die nachfolgende Erzählung aus der Frühzeit des Internet handelt von solch einem »Wiedersehen«. Er ist zwischen 2000 und 2010 entstanden und enthält einen sachlichen Fehler, den ich erst dieser Tage aufklären konnte. Die E-Mail-Liste »Webkultur« war im Wesentlichen ein Werk der Berliner Webautorin Claudia Klinger, mit der ich seit einiger Zeit wieder in Kontakt stehe. Mangels besseren Wissens kommt sie in diesem Text nicht vor.

Mein Gott, Raoul

Mein Gott, Raoul! Du und ich, wir sind uns auch schon mal über den Weg gelaufen. Das war in einer der vielen anderen Zeiten, die heutzutage im Zweijahresrhythmus ausgerufen werden.

Ich war in der Leitung eines großen Projektes beschäftigt, damit befasst, Menschen, die den Computer auf ihrem Schreibtisch noch vielfach als Gegner begriffen, das Internet als Vision sichtbar zu machen. Ich zog dabei alle Register, denn ich war bis in die Haarspitzen überzeugt von meiner Mission. Als Projektleiter hatte ich nicht viel mit jener Praxis zu tun, die Gedanken in browserlesbare Bits und Bytes übersetzt. Genau das aber reizte mich irgendwann. Und so hob ich eine Website aus der Taufe, deren Kernstück ich Speaker’s Corner nannte. Das war meine Plattform dafür, der Welt mitzuteilen, was ich über die Ereignisse der Zeit dachte. Dieses Werk landete bei einem großen Wettbewerb ganz weit vorne und war danach für ein paar Jahre eine kleine Institution in der erwachenden Internet-Gemeinde.

So trafen wir uns im virtuellen Raum, in dem wir uns mit jener schlafwandlerischen Sicherheit bewegten, die uns für andere zu Exoten machte, ja, zu Außerirdischen. Irgendwann trudelte deine Einladung bei mir ein, Mitglied der Liste zu werden, die du ins Leben gerufen hattest. Dort waren Leute versammelt, die sich mit den Möglichkeiten des World Wide Web auseinandersetzten, zumeist, in dem sie sie einfach nutzten. Es fehlte aber auch nicht an Diskussionen, die mir in ihrem Ablauf aus meiner aktiven politischen Zeit sehr vertraut waren. Ich wollte es zunächst nicht bemerken – zu neu und aufregend war noch alles, zu sehr mit Hoffnungen überfrachtet: Die Dinge wiederholen sich eben doch.

Wir waren Sterne in den Weiten des digitalen Universums.

Später dann, bei deiner Hochzeit, zu der du alle auf der Liste eingeladen hattest, begegneten wir uns im nicht-virtuellen Leben. Du merkst schon, ich vermeide den Begriff real, den viele so gerne als Gegenbegriff zu virtuell verwenden, denn das Virtuelle ist längst schon Realität. Du und ich haben einiges dazu beigetragen.

Ich dachte: »Das bist nicht du!«

Als ich dich sah, dachte ich: „Das bist nicht du!“ Aber du warst’s. Und das war auch schon das letzte Mal, dass wir uns getroffen und gesprochen haben. Na ja, gesprochen haben wir ja auch nicht eben viel. Du warst an diesem Abend, trotz deines morgendlichen Mega-Samples, das den ganzen Tag über locker gefüllt hätte, dann doch mehr mit deiner zweiten Liebe beschäftigt – deinen Schallplatten und CDs. Dass die deine zweite Liebe sind, ist eine ziemlich mutige Annahme, die man auch Spekulation nennen könnte. Sie könnten auch deine dritte sein. Keine Ahnung, wo deine Frau rangiert. Wenn ich mir’s recht überlege schätze ich, dass Vaike denn doch noch vor den Platten kommt. Immerhin teilt sie mindestens eine weitere Leidenschaft mit dir – das Webdesign.

Nun ja, war auch nicht so schlimm, das mit der Hochzeit, denn ich habe mich an jenem Abend recht angeregt mit einer südbayerischen Dame unterhalten, die wir beide bis dahin auch nur von ihrer Webseite und durch den E-Mail-Kontakt kannten.

Wie komme ich überhaupt auf dich? Nein, die Lomografie war’s nicht, jene improvisierte Technik zu fotografieren, die nur spontane Momentaufnahmen in schwarz-weiß liefert. Damit stellt sie sich kultig der Wucht der genau kalkulierten Hochglanzwelt der Megapixel-Sammler entgegen. Keine Frage: Auch dafür braucht man eine spezielle Kamera. Eben das ist ja Teil des Kultes. Das und jene Anmutung von Anarchismus. Lautet doch das zehnte der zehn Gebote der Lomografie: Denke nicht über Regeln nach!

Es waren auch nicht die einstmals gemeinsamen Ideale von einem Internet als basisdemokratischem Raum. Das war so eine, der Midlife-Crisis gleichsam vorgreifende und doch auch wieder postpubertäre Anwandlung von Romantik, die uns alle in der Liste verband. Eine neue, wohltuende Radikalität tauchte plötzlich auf, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Mit zwei weinenden Augen, wohlgemerkt. Schließlich saß ich als Jahrgang ’54, als ein Spätachtundsechziger gewissermaßen, zwischen allen Stühlen. Die Revolution hatten andere schon gedacht – mir blieb nur noch die »Schülerrevolution« übrig. Die wichtigen Lieder wurden schon von denen gesungen, die fünf bis acht Jahre älter waren. Die guten Jobs im Hochschulbereich waren schließlich auch bereits vergeben. Als ich so weit war, diktierte bereits der Numerus Clausus die Berufswahl. Oder der Wahnsinn. Und die großen Namen jener Zeit, Adorno, Marcuse und wie sie alle hießen, kannte ich nur von Buchdeckeln.

Tja, und die völlige Desillusionierung geschah schließlich in dem Augenblick, als die Nachricht vom Benz fahrenden Hannes Wader die Szene erschütterte. Ein Verrat an allem, woran zu glauben wir gewagt hatten.

Die Utopie einer Welt von Gleichen

Da kam dann diese Jahre später noch einmal aufkeimende Basisdemokratie, die erneute Utopie einer Welt von Gleichen, gerade recht. Wie naiv bedienten wir uns doch der Mittel, die uns – ganz ohne Marx- und Engelszungen – rein technisch motiviert zu ermöglichen schienen, dass Land mit Stadt, dritte mit erster Welt, Schwarz mit Weiß, Moslem mit Christ, ja, sogar Frau mit Mann auf gleicher Ebene kommunizierten!

Praktischerweise waren zwanzig Jahre nach der so genannten Studentenrevolte – Spätfolge des amerikanischen Alptraums namens Vietnam – die Feindbilder wieder die gleichen. Denn fast zeitgleich mit den amerikanischen Bombardements im jugoslawischen Bruderkrieg wurden auch im Internet die schon längst angelegten Pfade sichtbar. Die Pfadfinder kamen ohne Ausnahme aus Übersee. Die Kommerzialisierung unseres Traumes war bereits in vollem Gange und jeder einzelne von uns stand vor der Wahl zwischen Trabi und Rolls Royce. Dieser Krieg vor unserer Haustür ließ auch die Wellen in der Liste hoch schwappen. Die Kluft zwischen den Desillusionierten und den »Wissenden«, eben jenen fünf bis acht Jahre Älteren, war unüberbrückbar. Für die Letzteren stand die Okkupation der USA im Vordergrund, die immer wieder von ihr ausgehende  brachiale Gewalt, ausnahmslos begleitet von Begriffen wie Kollateralschaden oder friendly fire. Sie stellten verharmlosende Umschreibungen für die Tatsache dar, dass Späne fallen, wo gehobelt wird – auch unter denen, die zu befreien man vorgab. Die Desillusionierten  unter uns betrachteten bei diesem Konflikt weit eher die Tatsache, dass hier ein Völkermord geschah, dem Einhalt zu gebieten wäre. Und unter anderem daran zerbrach schlussendlich auch die Liste.

So nach und nach wurde klar, dass die Radikalität von jener Sorte war, die – wohl dosiert – ihrem Verkünder den mitunter einträglichen Ruf einbringt, anders zu sein, intellektueller, kritischer. Er erscheint als gnadenlos bissiger Analytiker, dem nichts und niemand heilig ist, dessen rigorose und despektierliche Argumentation ihn unangreifbar macht. Er schafft es stets, sonor zu begründen, warum die Mehrheit wieder einmal völlig daneben liegt. Wie immer in solchen Fällen, zog ich es vor, einer tumben Masse anzugehören, als geradenwegs in die Mausefalle eines Dogmatismus zu laufen, der noch immer  Wegbereiter für jede Art von Glaubenskrieg war. Will man sich dieser Gefahr nicht aussetzen, so kann man alternativ noch die Arroganz des einsamen Wolfes wählen. Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Vorlieben, ob man sich lieber einem Glaubenssatz opfert oder seine Tage als vereinsamter Untoter zubringt.

Es gibt Menschen, denen begegnet man einfach immer wieder. Erfahrungsgemäß kommen dafür zwei Ursachen in Betracht – die eine schmeichelt den wieder Entdeckten, die andere auch nicht einem selbst. Jede Zeit hat ihre Lichter, und so ist es nicht unwahrscheinlich, als Motte einen Lichtkegel zu entdecken. Die andere Möglichkeit besteht natürlich schlicht darin, dass man vergessen hat, weiter zu gehen. Wie auch immer. Jedenfalls sitze ich grade mal wieder vor einem jener Internet-Designs, bei denen mich stets die beklemmende Frage beschleicht: Was tun mit dem vielen Platz? Der Auftraggeber möchte endlich auch im Internet präsent sein, hat jedoch dummerweise nichts zu sagen. Und plötzlich dämmert mir, dass ich nur einen kenne, der dafür schon immer eine Lösung hatte. Ich erkenne seine Handschrift, seinen exakten Minimalismus. Das Nichts ist am richtigen Platz und der fast leere Bildschirm wirkt voll.

Mein Gott, Raoul, du bist ja auch noch da!


Titelbild: Das Volk im Zukunftsstaat, Illustration von Friedrich Eduard Bilz, 1904

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: