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May-Day

„Es gibt auf der Welt liebe Jungs und böse Buben. Ist das Feindbild erstmal da, gibt es nur noch böse Buben“, schreibt der Wilhelmshavener Autor Klaus Zankl. Wenn indessen böse Buben miteinander streiten, wird es stets unübersichtlich.

Da werden im Vereinigten Königreich ein ehemaliger russischer Agent und seine Tochter vergiftet. So weit kann man im Indikativ schreiben. Ab da wird’s konjunktiv. Das Gift soll in der ehemaligen Sowjetunion als Kampfstoff entwickelt worden sein. Aus diesem Konjunktiv leitet sich die inzwischen sehr indikativ dargestellte Schlussfolgerung ab, Russland, namentlich die Regierung und ihr Chef Putin, stecke hinter diesem Anschlag.

Russland streitet die Vorwürfe selbstverständlich ab und lässt ein recht knapp bemessenes britisches Ultimatum verstreichen. Dieser Umstand wird natürlich als Beleg für die Richtigkeit der Anschuldigung herangezogen. England weist russische Diplomaten aus und verweigert Russland nach Sergeij Lawrows Worten den Zugang zu den Ermittlungsergebnissen und zur giftigen Substanz. Beides, so Lawrow, sei über eine „offizielle Note“ angefordert worden.

Der Westen übt – selten in diesen Tagen – den Schulterschluss und wir sind fast wieder da, wo wir vor nicht allzu langer Zeit schon einmal waren, beim kalten Krieg. Denn ab jetzt gewinnt die Entwicklung ihre eigene Dynamik. Der Ton verschärft sich, Drohung wird mit Drohung beantwortet. Es liegt in der Natur der Sache, dass jede Drohung schärfer sein muss, als die jeweils vorangegangene. Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht.

Deutsche Journalisten mischen auch schon kräftig mit. So schreibt Klaus-Dieter Frankenberger, außenpolitischer Redakteur bei der FAZ:

„Aber nicht hinnehmen darf man die russischen Machenschaften, die Länder des Westens und ihre Gesellschaften zu destabilisieren.“

Im gleichen Organ liest man auch von „russischen Mustern“.

Muster – hier wie dort

Die Muster gibt es in der Tat. Sie sind so abgedroschen, wie eingängig: Wir sind die Guten und Russland ist das Reich des Bösen. Dieses Spiel hat Tradition. Russland destabilisiert, deutsche Panzer in Syrien sind demgegenüber ein Friedensakt. Russland lässt Auftragsmorde durchführen. „Unfässlich!“, hätte der kürzlich verstorbene Peter Wyngarde, alias Jason King, dazu verwundert festgestellt. Denn insbesondere die USA besitzen in Sachen politisch motivierter Auftragsmorde ihre ganz eigene Geschichte, die ebenso wenig aufgeklärt ist, wie der aktuelle Fall Skripal. Nur dass in den Vereinigten Staaten traditionsgemäß weniger Gift, dafür mehr Blei zum Einsatz kommt. Ich nenne nur drei Namen von Attentatsopfern, deren Todesumstände noch heute berechtigte Zweifel wecken: Martin Luther King, John F. Kennedy und John Lennon.

Ich will nun nicht behaupten, Vladimir Putin sei der Engel auf Erden. Dazu hat er zu lange selbst als Geheimdienstler gearbeitet. Aber was ich will – den Indikativ. Keine Vermutungen, sondern Fakten. Der Fall ist so heikel, dass eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit eben noch immer eine Wahrscheinlichkeit ist. Und ich möchte, dass Nationen, auch und gerade in kritischen Situationen, miteinander im Dialog bleiben, denn ich empfinde es als besorgniserregend, dass derzeit international kaum eine Gelegenheit ausgelassen wird, mit Säbeln zu rasseln. Carl von Clausewitz war es, der formulierte: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Letztere werden bekanntermaßen durch den Zweck geheiligt. Sowohl Donald Trump als auch Theresa May könnte der Fall Skripal nützen. Trump könnte seinen vermutlichen „Wahlhelfer“ auf Distanz bringen und May könnte innenpolitisch wieder von dem Boden zurückgewinnen, der ihr durch das Brexit-Desaster verloren gegangen ist.

Wie auch immer. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Macht eure Agentengeschichten unter euch aus – und sagt uns einfach die Wahrheit.

 

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