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Mama, mach‘ mir mal den Kopf zu

„Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von „Quote“ oder „Format“) und, und, und. . .“

Dieses Zitat entstammt einem Gastbeitrag des Schriftstellers Ingo Schulze in der Zeit vom 12. Januar 2012.

„Ach, Klaus …“. Diesen Kommentar bekam ich kürzlich auf eine meiner kritischen Einlassungen zu einem Facebook-Post. Eine freundschaftliche, doch unüberhörbare Schelte. Kann Denken schädlich sein? Vorweg: Es kann.

Zu den welterschütternden Ereignissen vom 11. September 2001 gab es neben zahlreichen Hintergrundberichten auch psychologische Studien, die sich mit dem Befinden von Menschen befassten, die die Katastrophe als Augenzeugen erlebt hatten. Ich erinnere mich an ein Interview mit einer Augenzeugin besonders gut, weil es an scheinbarer Absurdität kaum zu überbieten war. Die Frau hatte die beiden Anschläge auf das WTC von ihrer Penthouse-Wohnung aus direkt beobachtet. Sie berichtete dem Interviewer, sie habe daraufhin einen ehemaligen Freund angerufen und ihn gefragt, ob er mit ihr Sex haben wolle. Psychologen hat das nicht überrascht. Sie wissen: Sterbende Bäume blühen bisweilen besonders schön.

Im Angesicht des Zustandes unserer (Um-)Welt sind Hiobsbotschaften alltäglich geworden. Und wir haben genau zwei Möglichkeiten, ihnen zu begegnen. Die eine ist, sie wahrzunehmen, sie zu analysieren und zu überlegen, welche Handlungsoptionen man zur Auswahl hat. Man begibt sich mit dieser Strategie zugegebenermaßen auf ein schwieriges Feld, denn oftmals muss man sich in unserer – vorsichtig ausgedrückt – eingeschläferten Demokratie Handlungsspielräume erst eröffnen. „Mehr Demokratie wagen“, hat Willy Brandt einst als Maxime ausgerufen. Inzwischen hat man als aktiver Staatsbürger eher damit zu kämpfen, dass Handlungsoptionen gegen Null herunter geregelt werden. Alle vier Jahre ein Kreuz malen zu dürfen und in der Zwischenzeit nur der Spielball einer möglicherweise noch frisierten Meinungsforschung zu sein, hat mit Teilhabe, die Bestandteil einer Demokratie sein sollte, nichts zu tun.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, den Spieß umzudrehen. Ich konzentriere mich auf die Freuden des Lebens bzw. dem, was mir dafür ausgegeben wird. Allem anderen wende ich den Rücken zu, so wie das mein Hund praktiziert: Was er nicht sieht, ist auch nicht vorhanden. Für den Moment lebt es sich damit gewiss leichter. Ich kann reisen, ich kann konsumieren – unsere Gesellschaft bietet reichlich Möglichkeiten, sich auf durchaus angenehme Weise so lange zu zerstreuen, bis man sich verloren hat. Und dabei vermittelt sie uns noch den unverrückbaren Glauben, erst man selbst zu sein, wenn man tut und kauft, was Millionen anderer ebenfalls tun und kaufen.

Die große Frage lautet allerdings, wer für das Wegsehen und seine zwangsläufigen Nebenwirkungen letztlich bezahlt. Das Ignorieren von Problemen, das sich Hingeben an die eigene angebliche Wirkungslosigkeit kommt einem Wechsel auf die Zukunft gleich. Irgendwann wird er fällig. Und da es unsere Kinder und Enkel sind, denen die Zukunft gehört, obliegt ihnen auch das zweifelhafte Vergnügen, diesen Wechsel zu bezahlen. Es wird der Punkt kommen, an dem eine Prolongation nicht mehr möglich sein wird. Denn dieser Punkt kommt immer.

Die Diskussion darüber, ob dieser Zeitpunkt in näherer oder fernerer Zukunft sein wird, ist müßig. Und sie ist verantwortungslos, denn jegliche Verschiebung von notwendigen Einsichten und Korrekturen belastet unsere Nachkommen mit unseren Fehlern und Versäumnissen, mögen sie gesellschaftlicher, sozialer, ökonomischer oder ökologischer Natur sein.

Zugegeben: Manchmal wünsche auch ich mir den Zustand, den der Kindermund im Titel versehentlich beschreibt – mal den Kopf zumachen (eigentlich war ein Knopf gemeint). Letztlich aber denkt der Kopf doch weiter. Und Wissen, einmal angeeignet, lässt sich nicht zum Schweigen verdonnern. Das ist auch gut so. Denn gerade, wenn man das Leben liebt, sollte man Verantwortung dafür übernehmen.

Zurück zur eingangs gestellten Frage: Wem also schadet das Denken? Ganz einfach denen, die besonders schön blühen wollen. Siehe oben.

 

Titelfoto: Von Jakub Hałun – Eigenes Werk, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11329433

 

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