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Lasst uns abhauen!

»Kurze Antworten auf große Fragen«, Stephen Hawkings letztes Buch, lässt für mich mehr Fragen offen, als es Antworten liefert.

Es beginnt recht anregend. Die ersten sechs Kapitel bringen mindestens teilweise vertiefende Einsichten in kosmologische Gegebenheiten – aus der Sicht eines theoretischen Physikers eben. Hawking spart auch nicht mit Hinweisen auf die besorgniserregenden Entwicklungen auf unserem Planeten, ausgelöst durch den Menschen. Selbst die Schlussfolgerung, dass die Menschheit allein des Bevölkerungswachstums wegen auf diesem Erdball keine Überlebenschance hat, wird klar angesprochen. Die letzten vier Kapitel beschäftigen sich dann mit möglichen Lösungen, die er allerdings allesamt nur im »Auswandern«, in der Kolonisation des Weltraums sieht. Und hier erweist er sich als Theoretiker im gesellschaftspolitischen Elfenbeinturm. Alle Lösungen, die er anbietet, sind ausschließlich technologischer Natur, die beispielsweise die bereits begonnene Rohstoffknappheit fast völlig außer Acht lassen. Woher soll denn der ganze Sprit kommen, den wir für die vielen Raketenstarts benötigen, die zwingend würden, würden wir seinen Plänen folgen? Zumal inzwischen auch Milliardäre ihre Privatrakten basteln, Raumfahrt mithin zum Hobby für Superreiche wird, was er prinzipiell begrüßt. Alternative Antriebe bleiben ein Randthema. An einer einzigen Stelle erwähnt Hawking fast beiläufig, dass mit der »Flucht von der Erde« wohl auch soziale Probleme verbunden seien. Dabei bleibt’s dann aber auch.

Die Ausführungen werden ab Kapitel 6 schwammig und schwärmerisch, denn sie übersehen, dass es nicht die Lösung sein kann, problematisches menschliches Verhalten dadurch zu kompensieren, dass wir expandieren und eines Tages einen ausgebrannten Planeten Erde hinterlassen, unsere Politik der verbrannten Erde dann jedoch anderswo fortsetzen.

Lediglich in Kapitel 9, in dem er auf die künstliche Intelligenz zu sprechen kommt, kann Hawking noch einmal ansatzweise überzeugen, da er dem Grundgedanken von Ray Kurzweil – ohne dessen Namen zu erwähnen – deutlich widerspricht. Kurzweil vertrat in seinem 1999 erschienenen Werk »Homo s@piens« die Ansicht, dass der Mensch mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz die nächste Stufe der Evolution einläute, sich also quasi selbst zum Schöpfer erhebe, sich selbst damit jedoch gleichzeitig dem Lauf der Geschichte preisgebe. Hawking sieht das anders und warnt eindrücklich davor, KI-Systeme ohne »Notschalter« zu entwicklen.

Popstar der Wissenschaftsszene

Und das bringt einen schlussendlich zum ersten Kapitel zurück, in dem Hawking die Frage stellt, ob es einen Gott gibt. Er beantwortet sie mit einem klaren Nein, lässt allenfalls noch die Einschränkung zu, dass es diesen personalisierten Gott nicht geben kann, der uns von den tradierten Religionen angeboten wird. So weit könnte ich persönlich ihm noch zustimmen. Zu dieser Einsicht zu gelangen, braucht man kein theoretischer Physiker zu sein, man kann sie auch durch philosophische Überlegungen oder aus der Kenntnis der kulturellen Historie entwickeln. Hawkings Darlegungen zufolge entstand das Universum aus dem »Garnichts«, der so genannten Singularität. Er lässt es diesbezüglich auch nicht an Argumentationen fehlen. Dennoch bleibt das Ansichtssache. Immerhin lernen wir aus seinem Buch, dass die Naturgesetze überall gelten. Und wenn dem so ist, so muss die empirische Beobachtung, dass es für alles eine Ur-Sache gibt, auch für den gesamten Kosmos Gültigkeit besitzen. Mag man sie Gott oder sonstwie nennen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die in den letzten Jahren verstärkt aufkommenden Zweifel an der Urknall-Hypothese in seinen Überlegungen keine Rolle spielen.

Man sagte Hawking zu Lebzeiten nach, nicht nur ein genialer Wissenschaftler zu sein, sondern auch ein Popstar der Wissenschaftsszene. Leider findet Letzteres bei kritischer Lektüre dieses Buches, vor allem eben der letzten Kapitel, in meinen Augen deutliche Bestätigung. Denn sein ostinates »positives Denken« hat etwas Verkaufsförderndes, weil es nicht zwingend ist. Man könnte das in einem gewiss sehr provokanten Satz zusammenfassen: Seht her, wir haben als Menschheit viel Mist gebaut und damit unseren Planeten ruiniert, aber der Weltraum ist ja so groß und voller Rohstoffe – lasst uns abhauen!


Titelfoto: Computersimulation eines nichtrotierenden Schwarzen Lochs von 10 Sonnenmassen, wie es aus einer Entfernung von 600 km aussähe. Die Milchstraße im Hintergrund erscheint durch die Raumzeitkrümmung verzerrt und doppelt. Die Bildbreite entspricht einem Blickwinkelbereich von 90°.

Von Ute Kraus, Physikdidaktik Ute Kraus, Universität Hildesheim, Tempolimit Lichtgeschwindigkeit, (Milchstraßenpanorama im Hintergrund: Axel Mellinger) – Galerie von Tempolimit Lichtgeschwindigkeit, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=370240

Ein Kommentar

  1. Danke für diese Rezension, die meine Vorurteile bezüglich dieses Buches bestätigt.
    Es wundert nicht wirklich, dass er allein technische Lösungen sieht, die im Grunde keine sind. Schließlich war er schon Jahrzehnte in derart extremer Weise von Technik abhängig, wie wir uns das kaum vorstellen können.

    “ Immerhin lernen wir aus seinem Buch, dass die Naturgesetze überall gelten.“
    Grade ist die sogenannte „kosmologische Konstante“ ins Wanken gekommen… 🙂 Die Naturgesetze sind eben auch nur insoweit statisch, wie unsere Erkenntnis reicht. Erweitert sich unser Blick, müssen auch die Naturgesetze nachziehen…
    (Am Urknall zweifeln? Dazu hab ich noch nichts Vernünftiges gelesen, das „expandierende Universum“ erscheint mir – bisher – ausreichend dokumentiert und bewiesen).

    „Selbst die Schlussfolgerung, dass die Menschheit allein des Bevölkerungswachstums wegen auf diesem Erdball keine Überlebenschance hat, wird klar angesprochen. “

    Das klingt so, also hieltest du das für eine Wahrheit – ? Ich denke, dass vollständige Verschwinden der Menscheit droht nicht, dazu sind wir viel zu viele. Kriege, Chaos, Umweltkatastropfen, gewaltige Verluste – ja, das ist wahrscheinlich. Aber nicht, dass alle alle daran sterben!

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