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Heilsame Geschichten

Man liest von der möglichen neuen Volkskrankheit Nummer 1 – der Einsamkeit.  Man liest von der Geschichtsvergessenheit der Nachwachsenden. Man liest das und ist verwundert.

Leben wir denn nicht in einer Zeit, in der viel mehr kommuniziert wird als je zuvor? Leben wir nicht in einer Zeit, in der Wissen viel leichter zugänglich ist, als je zuvor?

Ich glaube, der Schlüssel liegt in diesem „viel mehr“. Es sind zwei Begriffe, die eine Quantität ausdrücken. Weil wir uns daran gewöhnt haben, „mehr“ mit „besser“ gleichzusetzen, lassen wir uns einreden, mehr Kommunikation sei automatisch bessere Kommunikation. Wir machen uns kaum Gedanken darüber, dass dieses Mehr an Kommunikation zwangsläufig zu Lasten der Qualität gehen muss, denn unsere Tage haben schon seit Jahrhunderten nur 24 Stunden.

Einsamkeit ist nicht mit einem noch leistungsstärkeren Smartphone abzustellen, Information kommt nicht von alleine zu mir. Und beide Phänomene liegen weit jenseits der 140-Zeichengrenze.

Unsere Gesellschaft hat keine Geschichten mehr und damit einhergehend keine Kultur des Zuhörens. Beides ist erstickt am schnellen Klick, am Zeitmangel, ob er nun selbst verschuldet ist oder nicht.

Die Geschichten eines Landes, einer Region oder auch nur einer Familie wurden früher in Erzählungen weitergegeben. Sie wurden mehrfach erzählt und blieben dadurch fester im Gedächtnis. Sie wurden von Menschen erzählt, nicht von unpersönlichen Bildschirmen abgelesen. Sie kamen nicht aus einer Datenbank, sondern wurden von der Großmutter erzählt und vom Großvater kommentiert. Oder umgekehrt. Sie waren Teil des Lebens und man lernte nebenbei, dass jeder Geschichte wenigstens zwei Wahrheiten zugrunde liegen. Kein lineares Lernen, sondern Dialektik.

Großmutter und Großvater leben heute zumeist weit entfernt. Man telefoniert ab und an. Vielleicht sind sie noch jung genug, um mit E-Mails umgehen zu können. Oder mit Skype. Geschichten werden auf diesen Wegen aber nicht erzählt. Dafür hat man das Hörbuch, das als MP3 aus dem frühen Smartphone plappert oder den TV-Kanal via Internet. Sie aber sind Einbahnstraßen, denn sie lassen sich nicht mit Fragen unterbrechen und geben einem keine Antworten. Man erlebt nicht, dass sie nachdenken müssen oder dass ihnen vielleicht auch einmal etwas peinlich ist.

Was ich fühlte, als ich vor den Verbrennungsöfen stand

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob mein Enkel eine Abhandlung über die Shoa liest  oder ob ich ihm erzähle, was ich fühlte, als ich vor den Verbrennungsöfen in Dachau stand, was mir der Ort selbst über sich preis gab.

Man hat diese und andere Geschichten aus politischen Gründen ausgelöscht oder dem Gewinnstreben der Hightech-Branche geopfert. Man hat die Geschichten ausgelöscht und damit diejenigen, die sie erzählen können, alte Menschen, überflüssig gemacht. Denn der Wert des Alters besteht in dem über Jahrzehnte angesammelten Wissen über eine Zeit, die man selbst nicht erlebt hat und die doch bestimmend ist für die eigene Gegenwart.

Das ist ein Teil der Geschichte über die Entstehung von Geschichtsvergessenheit und Einsamkeit. Und ich höre die Fortschrittsjünger von künstlicher, androider Intelligenz schwärmen, die all diese Probleme entschärfen könne. Ich höre sie und ich sehe die Verlaufsgrafiken, die in ihren Gehirnen abschätzen, welchen Kurssprung diese oder jene Aktie dadurch wohl realisieren könnte.

Es ist eigenartiger Weise genau der Typus des Fortschrittsgläubigen, der am deutlichsten offenbart, dass der Mensch noch auf den Bäumen lebt, nur dass der offen gelebte Egoismus sich nicht mehr auf die Sippe bezieht. Dank seiner Geschichtsvergessenheit ist er auch nicht in der Lage, die Folgen seines Tuns in die Zukunft fortzuschreiben. Fortschritt, wie er sich heute definiert, ist das in Stein gemeißelte Unvermögen, das Großhirn zum Erkennen tatsächlicher Gegebenheiten einzusetzen, stattdessen unverrückbar daran festzuhalten, dass Probleme, die uns der monetär motivierte technologische Fortschritt beschert hat, durch den Einsatz weiterer Technologien zu lösen.

Warum sagen wir nicht einfach „Stopp!“ und erzählen uns unsere Geschichten wieder gegenseitig? Das verbraucht keine Rohstoffe, keinen Strom, verursacht keinen Elektroschrott, es macht Kinder zu Wissenden und alte Menschen wertvoll und glücklich.


Zum Titelfoto: Hinter diesem Foto steckt die Geschichte eines Tages, an dem drei Familien erfahren, dass die gemeinsame Mutter schwer dement ist.

2 Kommentare

  1. „Warum sagen wir nicht einfach „Stopp!“ und erzählen uns unsere Geschichten wieder gegenseitig?“
    Das ist eine gute Frage. Können wir nicht oder wollen wir nicht?

    Nun ist es ja nicht so, dass Menschen im „realen Leben“ nicht mehr zusammen kommen würden. Man denke an die vielen Barcamps, Workshops, Meetings zu diesem und jenem, an die Stuhlkreise der Selbsthilfegruppen und die neuartigen Meetings mit Fremden zu Hobby-Zwecken (Kochen, Essen, Sporteln, Vorlesen…), sowie die diversen Gelegenheiten, kurzzeitig auf Events Teil einer gleich gerichteten Masse zu werden, ganz unverbindlich.

    Da tut sich also schon was, nur noch nicht für alle bzw. vielleicht ist es auch viel Trägheit, die speziell ältere Menschen davon abhält, neu auf Menschen zuzugehen ?

    • KT Brandstetter KT Brandstetter

      Das meine ich eben nicht, dieses Unverbindliche. Mal ganz davon abgesehen, dass Angebote, wie Du sie schilderst, eher in Metropolregionen beheimatet sein dürften. In von »mittelständischer« Unternehmenskultur geprägten ländlichen Räumen findest Du davon ziemlich wenig. Hier findest Du dafür Sechsjährige, die keine Vorstellung davon haben, dass Gitarrenlehrer ein Beruf sein könnte und dich deshalb fragen, was Du eigentlich arbeitest. (Kein Witz!)

      Und dann denke ich nicht, dass die Alten in diesem Zusammenhang hier auf die Jungen zugehen sollten. Ich habe, als ich noch in einem südhessischen Dorf lebte, immer gerne unsere Dorfchronistin besucht und ihren Erzählungen gelauscht. Sie durfte zuletzt nicht mehr Auto fahren, war in ihrer körperlichen Beweglichkeit stark eingeschränkt, aber ihr Geist sprühte noch. Es war meinerseits ein Stück Wertschätzung, das dazu führte, dass sie mich eines Tages bat, an ihrem Grab eines meiner Lieder zu singen. Ich habe es versprochen und muss es nun demnächst einlösen, denn sie ist Ende 2018 verstorben.

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