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Glasfaser ist nicht alles

Erst kürzlich las ich in einem Interview, Deutschland stünde den Stand der Digitalisierung betreffend gar nicht so schlecht da.

Na ja, die paar Kupferkabel und das Vectoring kriegen wir schon umgetauscht gegen Glasfaser. Wäre ja gelacht. Und der neue Kanzleramtsminister, Helge Braun, macht richtig Hoffnung, wenn er sagt: Im Prinzip tragen die Kosten dafür die Telekommunikationsunternehmen. Was das nun immer heißen mag: Im Prinzip. Im Prinzip könnten wir Glasfaser schon seit den 1980er-Jahren haben, hätte der damalige Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen, Christian Schwarz-Schilling, nicht dem kupferfarbenen Sonnenschein den Vorzug gegeben. Zur großen internationalen Verwunderung. Erinnern wir uns: Die Sonnenschein KG war die Firma seiner Frau und an der Projektgesellschaft für Kabel-Kommunikation mbH beteiligt. Wieder einer dieser seltsamen Zufälle, die unsere Nachkriegspolitik hartnäckig begleiten.

Doch wenn man Digitalisierung ausschließlich mit schnellem Glasfasernetz gleichsetzt, greift man schon wieder zu kurz. Digitalisierung bedeutet viel mehr.

Einmal wöchentlich fahre ich derzeit zu meinem VHS-Kurs Programmieren für Kinder und Jugendliche. Auf dem Weg zum Unterrichtsort begleiten mich Hinweisschilder zu Vierteln wie „wohlgelegen“ oder zur „Zukunft am Neckar“ oder in den „Trendpark Süd“ (ein Industriegebiet). Immer wieder erinnern sie mich daran, dass wir einmal das Land der Dichter und Denker waren. Immer wieder frage ich mich, was davon geblieben ist, außer jener sehr eindimensionalen Fantasie, die aus dem zutreffenden Begriff Industriegebiet erst den Industriepark und dann den Trendpark formt und mitten in solchen Trendparks inzwischen auch (Privat-)Schulen platziert.

Ein tief sitzendes Misstrauen

Zurück zur Digitalisierung. In der vorletzten Stunde gab es am Unterrichtsort Probleme mit dem Zugang auf die Online-Programmierplattform. Diese sollten laut Auskunft des Supports und der Schule in der nachfolgenden Woche zwar behoben worden sein, dennoch fahre ich mit der Support-Nummer im Gepäck eine Stunde früher los, als eigentlich nötig. Denn wenn es in Deutschland um Digitales geht, hege ich inzwischen ein tief sitzendes Misstrauen. Erst recht, wenn es Schulen betrifft. In der Schule angekommen, starte ich die Rechner, logge mich ein und versuche den Zugriff auf die Plattform. Fehlanzeige. Verschiedene Browser liefern verschiedene Fehlermeldungen. Die Außenstellenleiterin der VHS kommt hinzu und ruft sofort den Support an. Wir telefonieren knapp eine Stunde, der Support-Mitarbeiter baut den Remote-Zugriff auf meinen Rechner auf. Fazit: Eine saubere Lösung kriegen wir – der Unterricht hat inzwischen eigentlich schon begonnen – nicht mehr hin. Der Fehler liegt, so der Support, hauptsächlich an hoffnungslos veralteten Browser-Versionen. Vom Firefox beispielsweise war die Version 17 installiert. Die aktuelle Version trägt die Nummer 59! Die Update-Pflege, so der externe Support-Mitarbeiter, läge in der Verantwortung der Schule.

Woran es nun genau liegt, wenn solche ja auch sicherheitsrelevanten Nachlässigkeiten begangen werden, vermag ich nicht zu sagen. Fakt ist, dass ich solche Erfahrungen nun schon seit mindestens zehn Jahren mache, was ja nichts anderes bedeutet, als dass sich innerhalb dieser langen Zeit schlicht nichts, in Worten: nichts, verändert hat. Ein Land, das gerade in seinen Bildungseinrichtungen so träge mit dem Thema Digitalisierung umgeht, kann niemals für sich beanspruchen, auf diesem Themenfeld eine führende Rolle einnehmen zu wollen. Ein Land, in dem selbst junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ja sogar Selbstständige noch in Word und Excel geschult werden müssen, hat – man kann es nicht anders sagen – den Anschluss verloren.

Digitalisierung betrifft demnach nicht nur die Hardware, sondern auch den Umgang mit ihr. Kompetenz entsteht in diesem Umgang. Dazu müssen wir nicht einmal die Kindergärten mit zweifelhaften Lernprogrammen fluten. Es wäre völlig ausreichend, wenn die schulischen Ausstattungen ausreichend wären – hardware- und kompetenztechnisch.


Von Bautsch – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37400918

 

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