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Ganz große Kunst

»Namibia – Kunst einer jungen Generation«, hieß die Ausstellung, die im Sommer 2016 in einem Museum in meiner Nähe  gezeigt wurde. Zu sehen waren großartige Werke junger namibischer Künstlerinnen und Künstler. Zu sehen und zu spüren war aber auch die noch nicht aufgearbeitete Geschichte des Landes, das von 1884 bis zum Ende des I. Weltkriegs als deutsche Kolonie unter dem Namen »Deutsch-Südwestafrika« bekannt war. 1904 bis 1908 schlugen die Deutschen den Aufstand der Herero und der Nama blutig nieder. Diese vier Jahre spielen in den deutsch-namibischen Beziehungen bis heute eine Rolle, da von deutscher Seite zwar ein Völkermord an den Herero eingeräumt wird, rechtliche – und das heißt letztlich: finanzielle – Folgen jedoch bestritten werden.

Begleitend zur Ausstellung wurden verschiedene Bücher zum Thema angeboten. Eines davon schlug mich augenblicklich in seinen Bann.

Uwe Timms »Morenga« gilt als historischer Roman. Er erzählt die Geschichte von Jakobus Morenga, einem früheren Minenarbeiter, der an der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Herero steht. Die Ereignisse jenes Freiheitskampfes montiert Uwe Timm mittels historischer Dokumente und fiktiver Erzählungen des Oberveterinärs Gottschalk zu eben diesem Roman. Fiktion, die aus Fakten entsteht, lässt uns die deutsche Kolonialgeschichte nacherleben.

»Ich bewundere die Genauigkeit von Timms Recherche und die Meisterschaft seines sachlichen, stillen und von Spannung erfüllten Erzählens.«, sagte der Schriftsteller-Kollege und Mitbegründer der Gruppe 47, Alfred Andersch, dazu.

Der Unbelehrbare wurde klug, als er blutete (Nama-Sprichwort)

Faszinierend für mich war an dieser Lektüre außerdem die Figur des Gottschalk, über dessen Gedanken- und Gefühlswelt Uwe Timm letztlich selbst Stellung bezieht. Fantastisch auch die Technik, mit der der Autor afrikanische Erzählweisen und Parabeln nahtlos in sein Werk einbindet. Erschütternd dagegen sind die Arroganz, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit der Europäer gegenüber den Ureinwohnern, die aus den einmontierten und stets als solche erkenntlichen Dokumenten ersichtlich werden. Man versteht sich als »Schutzmacht«, obgleich niemand diesen Schutz angefordert hat, betont jedoch gleichzeitig seine wirtschaftlichen Interessen. Kennt man aus Lessings »Nathan dem Weisen« die Ringparabel als zentralen Bestandteil, so ist es bei Timm die »Ochsenparabel«, die hervorzuheben ist.

»Was Gorth am meisten erstaunte, war später, dass es ihn gar nicht überrascht hatte, einen Ochsen reden zu hören. Er hatte lediglich seinen Schritt etwas verlangsamt und ging, damit der keuchende Rote Afrikaner nicht so laut sprechen musste, schließlich neben ihm.«

So endet sie, diese Ochsenparabel. Und was einen als Leser gleichfalls erstaunt ist die Selbstverständlichkeit, mit der man sie aufgenommen hat.

Am Ende hat man ein Buch gelesen, dessen Autor die Kraft der Sprache der namibischen Ureinwohner verstanden hat und sie dementsprechend literarisch als Gegenpol zur empathielosen Verwaltungssprache der Kolonialisten einzubinden weiß. Es ist die scheinbare Naivität, es ist dieser einfache Realismus, die auch aus den Werken zeitgenössischer namibischer Künstler sprechen. »Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten weiter die Jäger verherrlichen«, lautet ein afrikanisches Sprichwort. »In guten Händen wird alles schön«, benennt Fillemon Kapolo eine Skulptur. Sie zeigt, von vorne betrachtet, eine anmutige Frauenfigur. Geht man um das Werk herum zeigt sich, dass sie in einer Hand in nach oben gerichteter Stützhaltung sitzt, von ihr getragen und umfangen wird. Der Gestus dieser Skulptur ist von einer unglaublichen Fürsorge und Achtung geprägt.

Es ist diese Haltung, die die deutschen Kolonialherren für falsch halten, weil das Profitdenken der Europäer nichts damit anfangen kann. Es ist diese Haltung, die der Kolonialherr als Begründung der behaupteten Minderwertigkeit der »schwarzen Rasse« heranzieht, die nichts von Gewinnmaximierung hält. Der Autor zieht den Leser behutsam, doch unaufhaltsam in das Spannungsfeld dieser konträren Weltanschauungen hinein. Doch da gibt es ja noch den Oberveterinär Gottschalk …


Titelseite

Das Buch

Uwe Timm
Morenga
München, 1985
444 Seiten.
ISBN 978-3-423-12725-7

 


Titelfoto: Der Waterberg in Namibia. Hier fand die Entscheidungsschlacht zwischen der Herero und der deutschen Kolonialmacht statt, der ein gnadenloser Genozid an den Herero folgte.

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