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Don’t worry, be happy

Die Frage ist immer, wo man Prioritäten setzt beim Schreiben einer Kolumne wie dieser. Ich könnte mich heute besipielsweise an meinem persönlichen Satz der Woche abarbeiten: „Fast niemand bestreitet, dass das Existenzminimum zu niedrig berechnet ist; erhöht wird es dennoch nicht.“ (SPON) Ich könnte auch die multiresistenten Erreger in Badeseen, die Verbrennungsexzesse bei Plastikmüll oder die merkwürdigen Geschäfte des Herrn Kubicki aufs Korn nehmen. Doch: Bis repetita non placent – Wiederholungen gefallen nicht. Manchmal bin sogar ich der leidigen Tagespolitik überdrüssig.

Da kommt es mir doch sehr gelegen, dass sich heute ein Artikel in Spiegel online mit den kognitiven Fähigkeiten im Alter auseinandersetzt. Natürlich einmal mehr auf der Grundlage einer neuen Studie, die zu diesem Thema erschienen ist. Zu deren Ergebnissen äußert sich Hans Markowitsch, Kognitionspsychologe an der Universität Bielefeld, laut SPON wie folgt: „Auf der einen Seite gebe es natürliche Abbauprozesse, die sich ab etwa 50 Jahren bemerkbar machten und vor allem die sogenannte Speed-Leistung der Intelligenz beträfen, also die Auffassungsgeschwindigkeit und das Kurzzeitgedächtnis, so Markowitsch Auf der anderen Seite werde die Power-Leistung des Gehirns, also die Fähigkeit, inhaltlich Dinge zu durchdenken und zu beurteilen, oft sogar besser. Denn das Allgemeinwissen und der Wortschatz nehmen mit dem Alter meist zu – die Lebenserfahrung auch (…).

Da dies zwei Aussagen sind, die ich an Beispielen aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis bestätigen, aber auch an mir selbst beobachten kann, bekommt diese Studie insgesamt einen Vertrauensbonus. Und der wird verstärkt, wenn ich weiter unten lese: „Von einem isolierten Gedächtnistraining raten wir ab.“ Damit gemeint sind die ganzen kostspieligen Gehirnjogging-Angebote, mit denen der Markt derzeit ja geradezu geflutet wird. Sie bringen – nichts! Ein Verdacht, der mich schon lange beschlichen hat. Das Gehirn ist ein Netzwerk und das beste Training ist, es als solches anzusprechen und zu nutzen, es mit vielfältigen und wechselnden Anforderungen zu beschäftigen.

Allerdings lese ich in diesem Artikel noch etwas anderes. Stress, wird da gesagt, ist der Gehirnleistung aufgrund der mit ihm verbundenen spezifischen Hormonlage im Körper abträglich. „Wer sich froh und verbunden fühlt, der tut seinem Gehirn Gutes. Und merkt sich Dinge besser.“, heißt es dann ganz treuherzig. Und ich komme zurück auf meinen eingangs zitierten Satz der Woche. Wer Jahre lang unter der Bedingung von Armut oder an der Armutsgrenze lebt, steht unter Dauerstress und rutscht vielleicht sogar in eine Depression. Beides, so die Studie, ist neben anderen Faktoren der Gehirnleistung abträglich. Zu folgern wäre demnach, dass die Garantie eines wirklich angemessenen Existenzminimums als vorbeugende Maßnahme begriffen werden muss – sozial, psychosozial und offenbar sogar organisch. Womit wir im Grunde beim Thema des bedingungslosen Grundeinkommens wären.

So weit spannt sich mancher Bogen. Und warum? Weil eben alles mit allem zusammenhängt. Und auch gerade deshalb, liebe Titelredaktion, ist die Schlagzeile Wer verblödet, ist selbst schuld.“ über diesem Artikel in ihrer Pauschalität eine ziemliche Respektlosigkeit, gelinde gesagt.

 

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Titelfoto: Von Ben Brahim Mohammed – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12263975

 

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