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Banksy und die Schändlichkeit des Inhalts

Wie alle Menschen, vor allem jene, die etwas zu verlieren haben, bin ich stets auf der Suche nach der Wahrheit. Und so gerät mir ein Buch zwischen die Finger, das ich kaufen muss. Sein Titel lautet »Was ist gute Kunst?« Er erscheint mir vielversprechend, denn bisher bin ich nur der um ein entscheidendes Wort reduzierten Frage »Was ist Kunst?« begegnet.

Ich kaufe das Buch nicht nur, ich beginne sogar, darin zu lesen. Nicht auf Seite drei, nein, auf Seite 12, denn dort schreibt einer vor dem Hintergrund kuratorischer Praxis. Das macht mich nicht nur neugierig, es lässt mich geradezu hoffen. In Zeiten der Beliebigkeit, der Reproduzierbarkeit ist man hungrig auf schlüssige Antworten.

Nun durfte ich in meinem Leben schon häufiger Vernissagen mit den damit verbundenen Laudatien beiwohnen, mal als Eingeladener, mal als begleitender Musiker. Und was soll ich Ihnen sagen? Als Musiker weiß ich, dass alle unsere abendländische Musik aus zwölf Halbtönen besteht, die sich über die verschiedenen Oktaven hinweg wiederholen. Als Mann einer Malerin und als Kunstinteressierter weiß ich, dass alle Farbigkeit sich aus wenigen Grundfarben aufbaut.  Und als aufmerksamer Zuhörer mit Langzeitgedächtnis weiß ich, dass auch das Vokabular der Laudatoren begrenzt ist. Ein paar Beispiele immer wieder gelesener Formulierungen gefällig?

Erstens:

Das Opponieren »gegen Festgefügtes, gegen Selbstgefälligkeit und ideologische Borniertheit« wird gerne zum Maßstab für die Güte eines Kunstwerkes bemüht, das dem Betrachter ohne diese starken Worte nur Ratlosigkeit entlockt. Da natürlich keiner fest gefügt sein will, selbstgefällig oder gar ideologisch borniert, muss das Werk gefallen.

Zweitens:

Seine Werke provozieren »durch die abgründige Frage, ob sich hinter der Fassade (…) überhaupt noch Elementares und Vitales erhalten hat.« Vier Stereotypen in einem einzigen Satz: provozieren, Fassade, Elementares und Vitales. Der Verfasser dieses Textes darf dem Vernehmen nach seinen Doktortitel noch behalten. Und wir freuen uns auf weitere Ergüsse dieser Art, denn – wie könnte es anders sein – provozieren muss nun einmal jegliches Kunstwerk, und sei es mit seiner lackledernen, sich im Abstrakten verlierenden Oberfläche, deren Provokation darin besteht, dass man sich an nichts festhalten kann. Der Betrachter rutscht sozusagen ins Bodenlose. Unten steht der Laudator und federt ihn in einer Wolke aus gelehrten Interpretationen ab. Und eine dieser Interpretationen erläutert uns, warum uns der Künstler nichts erläutern will. Bildtitel: Ohne Titel.

Drittens …

… werden jene, die nach einer Aussage oder einem Standpunkt lechzen, als »Inhaltsfraktion« diffamiert, die nicht imstande ist, in den als »durchgearbeitet« und »makellos« beschriebenen Strukturen das Provisorische zu erkennen. Die offensichtliche Unsinnigkeit von Begriffspaarungen wird immer wieder gerne bemüht. Ob sich mit ihrer Hilfe der Laudator selber lobt, ob er nur abgeschrieben hat, was andere vor ihm sagten oder ob er damit die eigene Ratlosigkeit in intellektuellem Wortnebel verbirgt, bleibt sein Geheimnis.

Viertens:

Kaum irgendwo sonst wird der Demokratiebegriff häufiger strapaziert, als in der Bildenden Kunst. Hier gilt als demokratisch, erläutert uns der Kunstsachverständige, dass man die Deutung dessen, was der Künstler wahrscheinlich nie hat sagen wollen, dem Betrachter überlässt. Er wird »einbezogen«. So wird »demokratisch« zum Synonym für »beliebig«.

Doch es gibt Lichtblicke

Einer davon heißt Banksy. Denn die Idee und den Mut, eine Kunstauktion zum Podium einer Manifestation des Inhalts umzufunktionieren, muss man erst einmal haben. Chapeau! Nicht nur, dass dem Mädchen schon auf dem Bild sein bunter Ballon davon fliegt, nein, die ganze realistisch trostlose Szene hat sich in Papierstreifen aufgelöst. Die von Banksy immer wieder thematisierte sozial zerstörte Welt hat sich gewissermaßen selbst zerstört. Mehr Inhalt geht nicht.

 


Foto: »Banksy mural The Mild, Mild West, with added poster (Von Banksy – Selbst fotografiert, CC BY-SA 2.5)

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