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Charlie und die Wolke in Rosa

Das Leben eines Social-Media-Nutzers – manchmal ist es qualvoll. Schon längst sind es nicht mehr die Katzen-Videos, die einen an den Rand des Wahnsinns treiben, auch nicht mehr die trosttriefenden Putten. Es sind diese katzenpfotigen Beruhiger, die scheinbar gesichertes Wissen verbreiten. Je komplizierter das Leben „da draußen“ wird, desto rosaroter werden die Wölkchen, auf denen sich bald so viele tummeln werden, dass man sich ernsthafte Sorgen um die Statik dieser zarten und zerbrechlichen Gebilde machen muss. Diese rosafarbenen Wolken mit Gartenzaun, damit man ja nicht hinunter fällt ins böse Leben.

Jüngstes Beispiel: Die so genannte „Geburtstagsrede“ des Charlie Chaplin, die er angeblich an seinem 70. Geburtstag, also am 16. April 1959 gehalten haben soll.

Man sieht ein Video mit lauter pastellfarbenen Hintergrundverläufen. Dazu läuft Musik, die einem Räucherstäbchenduft in die Nase zaubert. Oder den Duft des Gute-Nacht-Lavendelsprays aus dem Vernebler. Absatz für Absatz wird jene „Geburtstagsrede“ angezeigt, mit entsprechenden Schriftschnitten, damit man die beabsichtigte Botschaft ja versteht. Was einem gesagt wrd? Alles ist gut, nichts ist falsch. Sei du selbst und die Sorgen der Welt verblassen auf wunderliche Weise. Gräme dich nicht, dein Herz wird alles richten. Fehlt nur noch die Werbeeinblendung für ein Psycho-Seminar.

Chaplin hätte vermutlich seinen Spaß damit, dass selbst ernannte Lebensberater, spirituelle Geschäftemacher und sogar Leute, die sich mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung befassen, aus seiner angeblichen Rede die 10 Gebote der Neuzeit herauslesen, die man so herrlich dafür benutzen kann, Menschen ruhig zu stellen. Er hätte daraus vermutlich eine zweite „Rede an die Menschheit“ kreiert. Immerhin hat er ja in seiner ersten, die wir aus dem Film „Der große Diktator“ kennen, schon einmal versucht, an die Vernunft der Menschen zu appellieren.

Wer dir schmeichelt, führt etwas im Schilde

Es hat mir keine Ruhe gelassen, dieses überbordende Rosa. Ich habe recherchiert und bin auf diverse Quellen gestoßen. Ich zitiere eine dieser Quellen, die es wunderbar auf den Punkt bringt:

„Die Originalverse stammen von der amerikanischen Autorin Kim McMillen. Sie entstanden kurz vor ihrem Tod 1996 [!!]. Das Büchlein mit dem Titel: “When I Loved Myself Enough” hat 2001 deren Tochter Alison in englischer Sprache veröffentlicht.

Zwei Jahre später, 2003, wurde es von dem brasilianischen Verlag Sextante ins Portugiesische übersetzt und in Brasilien veröffentlicht. Ende 2003 hat ein brasilianischer Chaplin-Fan Auszüge der Verse via Internet in Umlauf gebracht und sie Charlie Chaplin zugeschrieben – das, was man heute als Charlie Chaplins “Geburtstagsrede” oder “Geburtstagsgedicht” kennt. Diese neue Version wurde etwa 2008 oder 2009 ins Deutsche (“Selbstliebe”) und Englische (“As i began to love myself”) zurückübersetzt und geistert seither als kostbare “Pseudepigraphie” durch das WorldWideWeb…“

Also – nix Charlie Chaplin. Sorry. Und das Originalgedicht ist überdies mit „When I Loved Myself Enough“ betitelt. Enough or not enough, that is the question (frei nach Shakespeare), denn dieses „enough“ macht hier einen feinen Unterschied in der Aussage. Die vollständige Fassung von McMillen’s Versen gibt es als Büchlein oder eBook.

Vorbei der Traum von einer rosa Wolke mit Gartenzaun, damit man nicht hinunter fällt ins böse Leben. Man ist hinunter gefallen und hart gelandet. Fake ist Fake. Und wer dir schmeichelt, führt etwas im Schilde.


Foto: Masaccio, Vertreibung aus dem Paradies

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