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Bereit, etwas zu wagen

Neben #meToo taucht seit geraumer Zeit – und aus ebenso gutem Grund – eine zweite tiefgreifende gesellschaftliche Debatte auf. Auch in ihr geht es um Machtverhältnisse. Die Jungen begehren auf.

Bereits im Januar 2018 postuliert Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne einen Neid der Alten auf die Jungen. Lobo macht das in erster Linie an der Arbeitswelt fest, zu der er feststellt, dass es den Jungen – den Schnitt vollzieht er aus nachvollziehbaren Gründen im Jahr 1980 – mehr darum ginge, die Arbeit nicht als die Essenz des Lebens zu glorifizieren. Gemeint, man muss es hervorheben, ist immer die Erwerbsarbeit.

Spätestens seit der Tragikomödie der Regierungsbildung sind auch in der Politik Diskussionen um die Rolle der Jungen am Kochen. Die Alten haben in diesen Monaten nur zu deutlich gezeigt, dass sie nicht willens oder tatsächlich unfähig zu ungewöhnlichen Lösungen sind. Auch programmatisch – man werfe einen Blick in die Koalitionsvereinbarungen – reicht ihr Blick nicht hinunter bis auf den Tassenboden, wo sich ein erklecklicher Satz aus verschleppten und nicht erkannten Problemen abgesetzt hat. Dick, wie eine Schlammschicht. Die Jungen sind es, die erkannt haben, dass sich daraus eine böse Lawine ergeben könnte, imstande, eine ganze Gesellschaft unter sich zu begraben. Fragen nach Änderungen in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen tauchen auf, Forderungen nach einer Bildung, die auch digitale Kompetenzen mit einschließt, bis hin zu Überlegungen, wie mit dem überdeutlichen Ungleichgewicht in der Vermögensverteilung umzugehen sei. Alles Themen, die man in den letzten Wochen sogar bürgerlichen Pressekolumnen entnehmen konnte. Geschrieben ausnahmslos von jüngeren Autorinnen und Autoren. Seehofer, Schulz, Merkel und wie sie alle heißen wollen davon nichts wissen. Vielleicht hier ein Pflästerchen und dort eines, nirgendwo jedoch ein im besten Wortsinne radikaler Ansatz, der vermuten ließe, dass hier den Problemen auf den Grund gegangen werden soll. Die Gesellschaft muss umgebaut werden. Auch der 1977 geborene französische „Wunderknabe“ Emmanuel Macron wird das nicht aufhalten. Auch seine Politik fußt im Wesentlichen auf den alten Doktrin.

Sie haben völlig recht, die Jungen! Dieses Es muss etwas geschehen, aber passieren darf nichts muss ein Ende haben. Es ist bekannt, dass Pendel ihre Amplitude nach beiden Richtungen ausschwingen. Daher hoffe ich, dass nun nicht ein neuer unheilvoller Automatismus, eine Art Alten-Bashing entsteht. Es gibt auch unter den nach 1980 Geborenen konservative und leider sogar reaktionäre Kräfte. Man muss sich dazu nur die Klientel der Neuen Rechten anschauen. Ebenso gibt es umgekehrt unter den vor 1980 Geborenen Menschen, die vieles von dem, was jetzt angepackt werden muss, bereits ein halbes Leben lang thematisieren. Auch sie hoffen, auch sie sind bereit, etwas zu wagen, wenn man sie nicht altershalber außen vor lässt.

 

 Foto: Von Sander van der Wel from Netherlands – [311/365] Spinning, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34928654

 

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