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Aufmerksamkeit: Das 5-Zoll-Gefängnis

„Einsam macht
Gedanken und Gefühle nicht teilen zu können.
Einsam macht
Ohne Empfänger zu sein
Der verstehend und inspirierend antwortet.“

Mit diesem Gedicht von Angelika Wende leitet Claudia Klinger auf ihrem Blog »Digital Diary« einen Beitrag zur Kommentarkultur im Internet, insbesondere bei Blogs ein.

»Dass kaum mehr kommentiert wird«, so Klinger weiter, »mindert meine Motivation zu bloggen. Irgendwelche „Likes“ in sogenannt „sozialen“ Medien sind nicht wirklich ein Ersatz für „verstehende und inspirierende Antworten“, die einst unter Blogartikeln nicht selten waren.«

Einsamkeit ist kein Phänomen mehr, inzwischen gilt sie als Diagnose einer neuen Volkskrankheit. (Siehe dazu auch mein Beitrag »Heilsame Geschichten«.) Im Zeitalter der Massenkommunikation erscheint dies als anachronistisch. Bedenkt man jedoch, dass Aufmerksamkeit zur Ware geworden ist – wie der börsengetriebene Neo-Liberalismus ja alles zur Ware degradiert, alles käuflich zu machen sucht -, wird klar, dass sie ihre empathischen Anteile verloren hat. Aufmerksamkeit ist ihres sozialen Charakters beraubt und führt diesbezüglich nur noch ein marginalisiertes Dasein. (Siehe dazu auch das ZEIT-Interview mit der »Technosoziologin« Zeynep Tufekci.)

Dementsprechend hat sich die »Kommentarkultur« verändert. Nicht Qualität ist mehr das auszeichnende Kriterium, sondern Quantität. Es gilt, in einer gegebenen Zeiteinheit möglichst viele Nutzer auf sich aufmerksam zu machen. Diesem Paradigmenwechsel entsprechen auch die Geräte, mit denen er realisiert wird. Das 5-Zoll-Gefängnis eines Smartphone-Displays lässt weder das Verfassen noch das Lesen langer Texte zu. Es ist dafür schlicht nicht gemacht. Was aber nicht geübt wird, wird nicht mehr gekonnt und geht verloren.

Wenn »positives Denken« zur Doktrin wird

Der Blog ist die freieste Form der schriftlichen Kommunikation. Freiheit setzt Eigenverantwortung, Kompetenz, Initiative und Gestaltungswillen bzw. -fähigkeit voraus. Demgegenüber geben die sozialen Netzwerke einen Rahmen vor, der unserem Handeln und damit unserem Denken Grenzen setzt. Diese Grenzen werden entweder staatlicherseits definiert oder durch »Ethikabteilungen« der Netzwerkbetreiber, deren Entscheidungskriterien selten wirklich offengelegt werden. Die Gleichsetzung von sozialer Interaktion und sozialem Netzwerk bewirkt einen Trugschluss: Praktizierte Meinungsfreiheit und soziale Netzwerke haben nur bedingt etwas gemeinsam. Der Klick auf den Like-Button hat nichts mit freier Meinungsäußerung oder gar mit Reflexion zu tun. Zumal es eben auch keinen eindeutigen Dislike-Button gibt. Wo aber »positives Denken« zur Doktrin wird, herrscht keine Freiheit. All dies sind in ihrer Gesamtheit begrenzende Faktoren für eine freie Kommentarkultur, auch wenn das Gegenteil unablässig behauptet wird.

Um die hier angesprochenen Entwicklungen mindestens zu bremsen müssten die Gesellschaften dieser Welt – und das heißt auch: ihre Regierungen – erkennen, dass die Entfaltung sozialer Kommunikationtechnologien nichts ist, was man gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen überlassen sollte. Tufekci verweist in diesem Zusammenhang u.a. auf die öffentlich-rechtlichen Medien-Strukturen in Deutschland. Ich für mein Teil werde mich jedenfalls weder dem 5-Zoll-, noch dem 140-Zeichen-Diktat beugen und weiterhin bloggen und kommentieren. Und wenn es nur darum wäre, ein Beispiel zu geben dafür, wie es funktioniert.

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