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An ihrer Sprache sollst du sie erkennen

Sprache ist Denken. Jedenfalls gilt meines Wissens noch immer die goldene Regel, dass man erst denkt, bevor man spricht oder schreibt. Und Denken hat Geschichte. Gehen wir einmal optimistischerweise davon aus, dass diese beiden Grundtatsachen noch nicht der digitalen Demenz zum Opfer gefallen sind, dann muss man sich beim nachstehenden Zitat einige Fragen stellen:

„Wölfe, die die empfohlenen Schutzmaßnahmen für Weidetiere mehrfach überwinden, sollen entnommen werden.“

Dieses Zitat nach SPON vom 2. Februar 2018 entstammt einem Papier im Zusammenhang mit den derzeit laufenden Koalitionsverhandlungen. Warum, so die erste Frage, die mir spontan dazu einfällt, schickt man die Wölfe nicht einfach „duschen“? Verlaust und verwanzt sind sie ja sowieso. Welche Geschichtsanalphabeten sitzen bei uns an Verhandlungstischen bzw. in den Hinterzimmern – Verzeihung: Back-Offices -, an und in denen über die künftigen Geschicke unseres Landes entschieden wird?

Die Antwort ist vermutlich in dem Alarmruf der Sozialwissenschaftler zu suchen, der diese Woche durch den Blätterwald rauschte. Zitat aus der dazu gehörigen Meldung: „Sozialwissenschaftler mahnen, dass Wirtschaftsthemen im Unterricht immer mehr Raum bekommen – auf Kosten der politischen Bildung: Aktiensparpläne statt Auschwitz.“ Das muss einen nicht verwundern, denn die Politik hat der Wirtschaft schon vor Jahren ohne Not die Deutungshoheit über den Bildungsbegriff überlassen. Wer es nicht glauben will, der möge einmal die Lehrpläne eines beliebigen so genannten Bildungscampus ansehen. Diese Institutionen sind ja zumeist aus Stiftungsgeldern der Industrie finanziert. Er wird feststellen, dass Bildung nach deren Definition anscheinend nur noch aus Rechts-, Wirtschafts- und Managerwissen besteht.

In ihrer Dissertation schreibt die Diplom-Psychologin Nina Jude: „Da sprachliche Kompetenzen als wesentlicher Bestandteil von Bildung angesehen werden, finden sie in empirischen Studien zu Schülerleistungen immer stärkere Beachtung“ (Frankfurt, 2008). In Studien! Und beim Umkehrschluss kommt Freude auf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir auf dem Papier fordern, Kindern Sprachkompetenz beizubringen, während unsere Führungspersönlichkeiten sie entweder nicht besitzen oder sie bewusst pervertieren. Gleichwie – der Bildungsbegriff bedarf dringendst einer sehr eingehenden und kritischen Überprüfung. Fragt sich nur, über welche Sprachkompetenz diejenigen verfügen müssen, die das bewerkstelligen sollen. Es klingt ein wenig nach Teufelskreis.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Recherche im Internet zum Stichwort Sprachkompetenz. Da werden in den Ergebnissen und Darstellungen die ach so identisch klingenden Begriffe Sprachkompetenz und Sprachenkompetenz munter durcheinandergewürfelt und einander gleichgesetzt. – Kein Kommentar.

 

Titelfoto

 

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