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Faust – oder was man dafür hält

In dem kleinen Ort Jagsthausen, im nördlichen Landkreis Heilbronn an den Ufern der Jagst gelegen, werden alljährlich Burgfestspiele veranstaltet. Wer auch immer die künstlerische Leitung innehat, ein Stück ist gesetzt: »Götz von Berlichingen« von Johann Wolfgang von Goethe. Denn jener »Götz« weilte für kurze Zeit in den hiesigen, nach ihm als Götzen-Burg bezeichneten Mauern.

Knapp hundert Kilometer entfernt von Jagsthausen liegt das badische Städtchen Knittlingen. An Einwohnern ist es vier Mal so groß, an Bekanntheit dürfte es Jagsthausen nur innerhalb eines Fachpublikums übertreffen. Der Grund dafür ist recht einfach: Während es sich beim Götz von Berlichingen um eine handfeste, historisch greifbare Person handelt, ist der bekannteste Sohn Knittlingens, der berühmte Faust, wesentlich schwerer zu fassen. Über ihn gibt es zwar reichlich Erzählungen, aber nur neun historische Dokumente. Und das, obwohl Faust und Götz von Berlichingen Zeitgenossen waren und sich ihre Wege mindestens in der Person des Franz von Sickingen gar gekreuzt haben.

Faust-Museum, Knittlingen:
Annette Ziegler (Karlsruhe/Rom):
Faust und Mephisto fliegen über Knittlingen gen Süden (Ausschnitt), Öl und Mischtechnik
Leihgabe Marie Kreder-Kübler, Knittlingen
Foto: KT Brandstetter

Bei solch spärlicher Aktenlage sind der Spekulation natürlich Tür und Tor geöffnet. Es wurde fabuliert, spekuliert und moralisiert, was das Zeug hält. Und wenn wir Heutigen »Fake news« für eine Erfindung der Postmoderne halten, dann belehrt uns der Blick in Fausts Epoche (1480-1540) und die Jahrhunderte danach eines Besseren. Zahlreiche Autoren, angefangen von den »Volksbüchern« des ausgehenden Mittelalters, versuchen uns glaubhaft zu machen, im Besitz gesicherter Erkenntnisse über Doctor Johann Faust zu sein. Und man schreckte nicht davor zurück, »Phantomzeichnungen« als authentische Portraits auszugeben: Das Titelfoto zu diesem Beitrag zeigt so einen Faust. Wie er tatsächlich ausgesehen haben mag? Niemand weiß es, denn es existieren keine glaubhaft signierten Abbildungen, die zu Fausts Lebzeiten entstanden wären. Man behauptete das einfach mal.

Dem Germanisten, Historiker und Politikwissenschaftler Günther Mahal kommt das Verdienst zu, uns anhand jener neun Dokumente ein Bild des Johann Faust zu liefern, das nicht frei ist von Herleitungen, aber frei von Spekulation. Er hat seine Erkenntnisse nicht nur in ein Buch gepackt, sondern auch in das Knittlinger Faust-Museum und das Faust-Archiv, die er 1979 einrichtete und seither wissenschaftlich leitet.

Die Wucht der Geschichte verstehen lernen

Um dem historischen Faust näher zu kommen, muss man tun, was Günther Mahal mit großer Sachkenntnis und kriminalistischer Gründlichkeit vollbringt: Man muss den Spuren dieses geheimnisvollen Lebens – so der Untertitel des Buches – folgen. In einer Zeit wie der des 15. und 16. Jahrhunderts, mit ihren Brüchen und Umwälzungen, den Scheiterhaufen, die gegen die ersten Regungen der späteren Aufklärung anlodern, den falschen Horoskopen, mit denen man unliebsame Zeitgenossen denunziert, dem Aberglauben, der parallel zum offiziellen Glauben gelebt wird, dem unersättlichen Hunger nach Gold, den die Alchimisten einerseits schüren, andererseits stillen sollen, in solchen Zeiten Spuren zu verfolgen, verlangt ein hohes Maß an geschichtlichem Überblick. Dieser Überblick wird auch den Leser*innen abverlangt, da einem ansonsten der rote Faden der Beweisführung verloren geht. Der Lohn für die Mühe besteht fast nebenbei darin, dass man einen gewichtigen Abschnitt deutscher und teilweise europäischer Geschichte in seiner ganzen Wucht zu verstehen lernt.

Von Rembrandt – Etching by Rembrandt, Gemeinfrei (Wikipedia)

Wir lernen durch Mahals Methode, die wenigen historischen Belege akribisch in den Kontext ihrer Zeit zu stellen, einen Faust kennen, der vermutlich nie ein Studium auch nur begonnen hat. Dennoch aber konnte er einen Fundus an Wissen vorweisen, der ihn befähigte, auch mit angesehenen Zeitgenossen Kontakt zu pflegen. Wir lernen durch Mahals Methode zu verstehen, dass ein Faust stets auf des Messers Schneide lebte. Einerseits hatte er für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, wozu er – neben den Horoskopen, die er kostenpflichtig stellte – seine »Zauberkunststücke« dem wundergläubigen Volk vorführte. Mit diesen Darbietungen geriet man jedoch leicht in das Visier der Inquisition. Andererseits war er mit einiger Wahrscheinlichkeit ein ernsthaft forschender Geist, den es immer wieder in die Stille des Laboratoriums zog. Möglich, dass sich aus diesen Gegensätzen der Mangel an historisch belastbarem Material ergibt. Denn eines ist gewiss: Mag er auch noch so schwer fassbar sein, gegeben hat es ihn.

Zusammenfassend bleibt zu sagen: Spannend ist dieses Buch für alle, die sich für das Faust-Thema und das ausgehende Mittelalter interessieren. Wer glaubt, Faust zu kennen, sei gewiss: Dieses Buch verändert die Sicht auf den Protagonisten. Ob seiner notwendigen Fülle an Daten und Fakten ist es allerdings nicht eben leicht zu lesen.


Das Buch

Günther Mahal, FAUST. Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens. Reinbek bei Hamburg, 1995. 1690-ISBN 3 499 13713 5. 359 Seiten. (Man kann das Buch auch im Museumsshop in Knittlingen kaufen.)


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Titelfoto: Von Bundesarchiv, Bild 183-1989-0728-005 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

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