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Die Lust an Gewalt oder Du kommst auch drin vor

Ehrlich, ich kann sie nicht mehr sehen, diese zwanghaft knutschenden Filmpaare, diese ausgiebigen Nacktszenen, deren Hyperrealität zuweilen hart an der Grenze der Pornografie vorbei schrammt, die Mordszenarien, die mit allem aufwarten, was digitale Simulation oder die chemische Industrie anzubieten haben. Schon während meiner dreijährigen Stippvisite in der Welt des Theaters waren mir jene Momente ein Gräuel, in denen man schon während der Probenarbeiten Schauspieler*innen eine Intimität abverlangte, die darzustellen man sich selbst verletzen muss.

Es ist alles Mögliche: Es ist der Voyeurismus des oder der Regie Führenden, es ist der Voyeurismus des Publikums, dem man um der Aufmerksamkeitsökonomie willen immer härtere Reize vorsetzt, damit am Ende die Bilanz stimmt. Es kann Sadismus sein. Wenn die Schauspielschulen die angehenden Darsteller*innen auch auf solche Szenen vorbereiten, heißt das doch, dass man Schutzmechanismen aufbauen muss, um solche Drehs schadlos zu überstehen. Dem einen gelingt das besser, dem anderen schlechter. Die Regie jedenfalls kann Fantasien ausleben in der Qual, die auch professionellen Darstellern bei den Proben gelegentlich anzumerken ist.

Für mich ist das die Gewalt, von der die Rede ist, wenn es um #meToo und den aktuellen, mit umgekehrten Vorzeichen versehenen Fall von Asia Argento geht. Es ist eine Gewalt, die schleichend daher kommt, im Gewand der darstellenden und darstellerischen Kunst. Es ist die Gewalt, die vom darzustellenden Stoff übergreift auf das reale Leben. Christian Buß zitiert in seinem Kultur-Kommentar zum „Fall“ Asia Argenta die Portagonistin: „Die Rolle ergriff Besitz von mir, auch wenn ich gar nicht vor der Kamera stand. Zuerst konnte ich das noch auseinanderhalten, quasi als gespaltene Persönlichkeit agieren. Aber dann gewann das Böse Oberhand, und ich verhielt mich zu allen Mitarbeitern wie die Mutter im Film, ich nutzte sie aus, schob sie herum, schrie sie an. Ich war eine Diktatorin.“

Es ist genau das, was man mit einem distanzierten Blick beim Dreh oder während der Probenarbeiten häufig beobachten kann. Und just hier kommt das Publikum ins Spiel.

Es ist beileibe nicht so, dass wir an den Entwicklungen hin zur Hyperrealität als Zuschauer unbeteiligt wären. Denn der Produzent und der Regisseur schielen auf den Kassenerfolg. Und der ist vor allem dann garantiert, wenn das Stück mehr Reize ausstrahlt als das vorangegangene , wenn es visuell noch provozierender daher kommt als die Konkurrenz.

Ich habe mir dieser Tage einmal wieder alle sieben Folgen der Kultserie „Raumpatrouille“ aus dem Jahr 1966 angesehen. Auch dort wurde in zwei Folgen geküsst. Doch welcher Unterschied zu heutigen Kuss-Szenen, in denen man überdies noch die Tonspur nach Kräften bemüht! Ja, man spürt nach heutiger Gewohnheit, dass die Szenen im wahrsten Sinne des Wortes gespielt waren. Man spürt darin jedoch noch etwas anderes – Achtung.

Wo diese Achtung verloren geht – die Achtung der Regie gegenüber den Schauspieler*innen, die Achtung der Darsteller*innen untereinander,  die Achtung der Zuschauer gegenüber den notwendigen Grenzen zwischen  Menschen -, wo diese Achtung verloren geht, entsteht eine Atmosphäre des Übergriffs, mithin mindestens der Vorstufe zur Gewalt.

Und so können wir als Zuschauer – jede*r Einzelne*r von uns – zur Lösung des #meToo-Problems beitragen. Wir müssen dazu nur unsere Sehgewohnheiten überprüfen und gegebenenfalles ändern. Und das heißt, wir müssen den Voyeur in uns besiegen. Ganz nebenbei täten wir damit auch den Rettungsdiensten bei Unfällen einen guten Dienst.


Foto: Sérgio Valle Duarte, Voyeur, mixoscopia, peeping…(Wikidata hat einen Eintrag Q16269994 mit Daten in Bezug auf dieses Objekt. – Eigenes Werk, CC BY 3.0)

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